Studie : Fachärzte wandern aus ärmeren Bezirken ab

Die Berliner Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher fordert mehr Engagement von Kassenärzten. Dabei gehen diese beim täglichen Kampf um die medizinische Versorgung der Patienten schon an ihre Grenzen.

Ingo Bach

Berlin Die medizinische Versorgung der Stadt wird besser: auf 463 Berliner kommt ein Arzt – vor zehn Jahren musste sich ein Mediziner noch um nahezu doppelt so viele Patienten kümmern, geht aus dem Berliner Gesundheitsbericht hervor. „Das ist vergleichbar mit Hamburg“, sagte Sabine Hermann, Leiterin der Arbeitsgruppe der Senatsgesundheitsverwaltung. In der Stadt gibt es überdurchschnittlich viele niedergelassenene Ärzte, Zahnärzte und Psychotherapeuten. Mit Sorge sieht Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linkspartei) allerdings die höchst unterschiedliche Verteilung der Ärzte auf das Stadtgebiet. „Wir beobachten seit einiger Zeit, dass vor allem hochspezialisierte Fachärzte aus den sozial schwächeren Bezirken abwandern“, sagte Senatorin Lompscher. So gebe es in Neukölln einen Mangel an Lungenärzten. Man erwarte nun von der Kassenärztlichen Vereinigung, die für die Sicherstellung der medizinischen Versorgung verantwortlich ist, Vorschläge, um diesem Trend entgegenzuwirken.

Die Statistiken des 660 Seiten starken Kompendiums bieten manche Überraschung: So sterben – zumindest auf den ersten Blick – in Berlin im Verhältnis weniger Ausländer als in der deutschen Bevölkerung. Und das, obwohl sie weit häufiger von medizinischen Problemen betroffen sind. Von 100 000 Ausländern starben im Jahr 2006 230 Frauen und 369 Männer. Das ist rund 50 Prozent weniger als bei deutschen Frauen und Männern (517 beziehungsweise 807 Gestorbene je 100 000). Eine wahrscheinliche Ursache könnte sein, dass chronisch oder schwer kranke ausländische Personen (insbesondere im höheren Alter) wieder in ihr Heimatland zurückkehrten und dort versterben, sagt Sabine Hermann.

Sorge bereitet den Gesundheitspolitikern das weitere Ansteigen von Lungenkrebserkrankungen in der Stadt, vor allem bei Männern. Dieser Tumor gilt als vermeidbare Krankheit, weil er maßgeblich durch das Rauchen verursacht wird. 68 Prozent der an Lungenkrebs verstorbenen ausländischen Männer waren unter 65 Jahre alt.

Der eigentlich schon positive Trend bei der Entwicklung der Lebenserwartung in der Hauptstadt ließe sich noch verstärken, wenn sich vermeidbare Todesfälle – wie etwa durch ein Lungentumor – verringern ließen, betont Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher. So ließen sich bei Männern zum Beispiel durch eine gesunde Lebensweise im Schnitt noch zwei Jahre mehr Lebenserwartung herausholen. Und Berlin tue einiges, um diesen Trend zu verstärken, etwa mit dem Nichtrauchergesetz oder mit der Umweltzone, sagte Lompscher.

Im ersten Halbjahr 2007 wurden mit 29 600 über 600 Kinder mehr geboren, als in den ersten sechs Monaten 2006. Ob dies ein langfristiger Trend ist, sei aber noch nicht sicher, sagt Hoffmann, eine der Autorinnen des Basisberichtes. Allerdings stehen den Geburten immer noch mehr Sterbefälle gegenüber: rund 31 500 Menschen starben. Im Durchschnitt werden also jeden Tag 81 Menschen geboren, 86 sterben. Der Bevölkerungszuwachs resultiert daher vor allem aus der Zuwanderung, denn hier kann Berlin einen Überschuss verbuchen. Im letzten Jahr gab es in der Stadt eine halbe Million Umzüge, darunter119 000 Zuzüge aus anderen Bundesländern und dem Ausland. 108 000 mal dagegen zogen Menschen aus der Stadt fort. Berlin wächst: Im Vergleich zu 2005 lebten am 30. Juni 2007 10 000 mehr Menschen in der Stadt. Jetzt hat Berlin insgesamt 3 405 000 Einwohner, darunter 51 Prozent Frauen.

Am 30. Juni 2007 lebten in Berlin 472 000 Menschen ohne deutschen Pass aus über 180 Staaten – das sind rund 14 Prozent der Gesamtbevölkerung. Hinzu kommen noch einmal zehn Prozent der Einwohner, die eingebürgert wurden. Insgesamt leben nach den Zahlen aus dem Gesundheitsberichts 796 000 Menschen mit Migrationshintergrund in der Bundeshauptstadt – nahezu jeder vierte Berliner.

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