Volksentscheid Pro Reli : 99,5 Prozent: Fehler bei Wahlergebnis in Wilmersdorf

Nur eine Stimme gegen Pro Reli? Dieses "sozialistische Ergebnis" in einem Wilmersdorfer Wahlbezirk machte hellhörig. Eine Durchsicht der Unterlagen brachte ans Licht, dass die Anwohner keineswegs kollektiv für die Initiative gestimmt haben.

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Hochburgen. Pro Reli räumte am Lausitzer Platz (Kreuzberg) ab, nichts zu holen war in der Buschallee (Weißensee im Bild). -Foto: Kleist-Heinrich

BerlinPeter Paul, Stellvertreter des Bezirksabstimmungsleiters in Charlottenburg-Wilmersdorf, teilte auf Anfrage von Tagesspiegel.de mit, dass es am Wahlabend einen Fehler bei der Dateneingabe in seinem Bezirk gegeben hat. Für den Stimmbezirk 04197 waren vorläufig 414 Ja-Stimmen und nur eine Nein-Stimme gezählt worden. "Bei solch einem Ergebnis muss man eigentlich hellhörig werden", sagte Paul.

Nach einer Durchsicht der Unterlagen am Dienstag konnte nun festgestellt werden, dass die Stimmen im Stimmbezirk richtig ausgezählt worden sind - das richtige Ergebnis, 225 Ja-Stimmen und 188 Nein-Stimmen, wurde nur falsch übermittelt. Paul erklärte: "Am Wahlabend werden in kurzen Abständen alle Stimmen aus den Wahllokalen telefonisch an den Bezirk weitergegeben, wo die Daten am Computer eingegeben werden."

Bei dieser Eingabe müsse es zu einem Fehler gekommen sein. "Ganz klar: Menschliches Versagen", ist sich Paul sicher. Die Ergebnisse würden sich noch weiter ändern können. Im Nachhinein werden noch einzelne Stimmen auf ihre Gültigkeit hin besprochen. Die daraus zu erwartenden Abweichungen seien jedoch nicht sehr groß, wie Paul versichert, der seit 20 Jahren mit der Auszählung von Wahlen beschäftigt ist.

54,5 Prozent (bis Dienstag fälschlich 99,5 Prozent) Pro Reli (Stimmbezirk 197: Prager Straße 12, Wilmersdorf)

Die Prager Straße in Wilmersdorf ist eine kurze, baumbestandene Wohnstraße, auf der sich vorwiegend weißhaarige ältere Damen fortbewegen. Spricht man sie an, sagen sie in akzentfreiem Hochdeutsch: „Ich habe keine Zeit.“ Auf der Ostseite der Straße lehnen sich wuchtige Gründerzeitbauten aneinander, verziert mit Jugendstilornamenten. Fast jeder Briefkasten in der Nummer 3 warnt den Zusteller: „Reklameeinwurf verboten.“ Die Prager Straße führt zum Prager Platz mit großem Springbrunnen, einer modischen Coffee-Bar, Sanitätshaus, Sonnenstudio und Reformhaus. Dass fast 100 Prozent der 416 Wähler in der Umgebung für Pro Reli gestimmt haben sollen, „hat mich auch gewundert“, sagt die Reformhaus-Inhaberin. „Hier wohnen viele Beamte, Lehrer, gebildete Leute, aber nicht verbohrt.“ Sie selbst hätte nicht für Pro Reli gestimmt.

Neben dem Hotel Ramada Plaza (vier Sterne superior) lärmen die Kita-Kinder. Gegen Mittag wartet nur eine Mutter auf ihre Tochter. Die Abstimmung am Sonntag habe sie leider verpasst, sagt Yesra el-Hamdan, gläubige Muslimin. Sie hätte aber gegen Pro Reli gestimmt, weil sie dachte, es ginge nur um den christlichen Religionsunterricht. Auf keinen Fall wollte sie, dass es wieder so wird wie früher zu ihrer eigenen Schulzeit, als die muslimischen Kinder die Wahl hatten zwischen christlichem Religionsunterricht oder Freistunde.

88,6 Prozent Pro Ethik (Stimmbezirk 416: Buschallee 23a, Weißensee)

In Berlins ethikfreundlichstem Stimmbezirk in Weißensee ist es am Tag nach der Pro-Reli-Schlappe auffallend ruhig. Zwischen Wohnblocks und Einfamilienhäusern in zweiter Reihe sind am Nachmittag keine Kinder und Teenager zu sehen. Nur 27 der rund 1500 Wahlberechtigten stimmten hier am Sonntag mit „Ja“. Im Supermarkt gegenüber dem Wahllokal, in dem die Wahlbeteiligung gerade einmal bei 16 Prozent lag, erklärt Verkäuferin Gudrun Reimann: „Hier wohnen eben viele ältere Menschen. Und denen ist Religionsunterricht egal.“ Der demografische Wandel ist in der Buschallee auf der Straße zu sehen: Hier sind vornehmlich Rentner unterwegs.

In der nahe gelegenen Kleingartensiedlung „Sonnenschein“ beginnt Walter Neumann mit der Arbeit: „Wir Älteren sind nicht zur Wahl gegangen“, sagt er. Warum die anderen hier nahezu geschlossen mit „Nein“ gestimmt hätten? „Die werden sich daran erinnert haben, dass man ihnen seit Jahren etwas von einer weltoffenen Stadt erzählt“, vermutet Neumann. Ein anderer Anwohner, ebenfalls Rentner, sagt: „Hier wohnen eben hauptsächlich Ostler, die Religionsunterricht nicht für nötig halten.“

Im Wahlbezirk gibt es keine Kirche. Hier sei man nicht besonders religiös, meint ein Anwohner. Kürzlich habe er noch neben einer Kirche in der Berliner Straße gewohnt. „Das hat man aber auch nur gemerkt, weil die Glocken geläutet haben.“

81 Prozent Pro Reli (Stimmbezirk 141, Waldemarstraße 118, Kreuzberg)

In der östlichen Waldemarstraße überlagern sich drei Soziokulturen: die Kreuzberger Altlinken, die Türken und die Berlin-Novizen, die Teil der Kreuzberger Legende werden möchten. Die 564 Pro- Reli-Befürworter bilden ein weiteres, hier bislang unbekanntes Soziotop.

Vor dem „Café Zeitlos“ stehen türkische Männer. Özgür Simsek, Vater von zwei Kindern, hat als Einziger abgestimmt, für den Volksentscheid. „Die anderen durften nicht.“ Sie haben nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Simsek findet, seine Kinder sollten in der Schule mehr über islamische Religion lernen.

Aus den Fenstern der Nummer 119 hängen eine Piratenfahne und ein Banner gegen die Media-Spree-Bebauung. Unweit davon sonnen sich zwei Männer auf dem Bürgersteig, zwischen Bierflaschen und umgekippten Sitzbänken. Eine Frau steuert ihren Buggy über den Gehweg. Gestern sei sie nicht zum Abstimmen gekommen, wegen Umzug. Sie verlässt die Gegend, weil sie sich eine Vierzimmerwohnung hier nicht mehr leisten könne. Studenten hätten die großen Wohnungen in Beschlag genommen. Sie hat selbst auch mal studiert, lange her, jetzt geht sie zum Jobcenter. Dass so viele Leute für Pro Reli gestimmt haben, findet sie „echt krass“. (jz/bbr/loy)

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