Berlin : Lange Nacht der Museen: Interview: "Museen werden zu Rummelplätzen"

Sie nennen Lange Museumsnächte ein "Feigenbla

Während allenthalben Begeisterung herrscht über Lange Nächte der Museen, gibt es zumindest einen Kritiker: Dieter Korczak, den Vorsitzenden der Interdiszplinären Studiengesellschaft für Praktische Psychologe. Er bereitet gerade die 58. Jahrestagung zum Thema "Rummel, Ritus, Religion" vor. Dort wird es auch um die Funktion von Museumsnächten gehen.

Sie nennen Lange Museumsnächte ein "Feigenblatt". Was soll das Blatt verdecken?

Dass Deutschland in Sachen Kultur nach wie vor ein Entwicklungsland ist! Museumsnächste suggerieren durch den ganzen Rummel, dass wahnsinniges Interesse besteht an Kunst und Kultur. Dabei besteht das Interesse nur am Ereignis selbst.

Die Besucher wollen bloß mal aus dem Alltag ausbrechen ...

und der Anlass ist egal, so ist es. Der ungarisch-englische Psychoanalytiker Michael Balint hat für solche Menschen einen Begriff geprägt, den der "sensation seeking people", der Sensationslüsternen. Balint glaubt, dass sich dieser Phänotypus in unserer Gesellschaft immer mehr ausbreitet und macht das fest an der zunehmenden Attraktivität von Bungee Jumping oder immer riskanteren Achterbahnen.

So spektakulär sind aber Museen nicht

Naja, für diejenigen Sensationslüsternen, die nicht gerade die Geschwindigkeit als Herausforderung betrachten oder den Sturz in die Tiefe, sondern das Feiern oder Durchmachen der Nacht, um die persönlichen Empfindungsgrenzen auszustesten, für die sind die Langen Museumsnächte gemacht.

Warum suchen Menschen den Kick?

Das liegt an der zunehmenden inneren Leere und Vereinsamung der Menschen. In dem Moment, wo Stille unerträglich wird, wo Besinnung und Muße Dinge sind, die keinen hohen Stellenwert in der Gesellschaft haben, nehmen solche sehr ereignisreichen, sehr lauten Elemente zu.

Immerhin machen doch Museumsnächte Lust auf Neues und veranlassen viele, später nochmal wiederzukommen ...

Ich möchte da eine Parallele zu den Gewalt- und Sexualdarstellungen im Fernsehen ziehen. Es gibt ja einen ewigen Medienstreit über die Gefahr, Nachahmer zu animieren. Die meisten Forscher haben aber erkannt, dass das nur bei denen passiert, die sowieso schon die Gewaltbereitschaft in sich tragen. Wenn man also diesen Schluss von Einstellung auf Verhalten akzeptiert, dann kann man sagen: Nur diejenigen, die ohnehin schon ein Kunstverständnis in sich tragen, die gehen möglicherweise später nochmal hin, um in Ruhe zu schauen.

Na, bitte!

Aber selbst das möchte ich in Frage stellen. Denn in aller Regel verwandeln sich die Museen bei Langen Nächten in Rummelplätze, so dass es nicht möglich ist, überhaupt ersten Zugang zu finden zu den Exponaten. Außerdem gibt es bis jetzt keine wissenschaftlichen Erkenntnisse über die erzieherische Folgewirkung von Museumsnächten. Dem müsste ich mich eigentlich mal widmen.

Sie bewerten also Lange Museumsnächte als grundsätzlich negativ?

Nein, nein, nicht grundsätzlich. Dazu sind sie einfach als soziales Ereignis zu gut. Das trägt ja auch zur Kommunikation bei. Ich ziehe aber in Zweifel, ob Museumsnächte erfüllen, was der Name sagt: nämlich die intensive Auseinandersetzung mit den Austellungen. So aber, wie sie zurzeit konzipiert sind, sind sie nur Tage der offenen Tür.

Was würden Sie besser machen?

Sinnvoll wäre es, Museumsnächte unter ein Motto zu stellen, jedes Museum muss dann das Thema unter seinem speziellen Gesichtspunkt beleuchten. Dann kommen nur die, die echtes Interesse haben. Außerdem würde ich Warteschlangenmanagement einführen. Mit dem kontrollierten Zugang gibt es drinnen mehr Ruhe und jene, die nicht zwei Stunden warten wollen, könnten ja auch den kleineren, unspektakuläreren Häusern eine Chance geben.

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