Berlin : Lange Nacht der Wissenschaften: Besuch bei Bessy

Christine-Felice Röhrs

Adlershof, das fremde Land. Blaues Nachtland. Über den Straßen leuchtet weiß wie ein niedrig stehender Mond ein angestrahlter Ballon. Ein grüner Laserstrahl durchschneidet den Nachthimmel. Auf viele Gebäude sind Scheinwerfer gerichtet, erdblau ist das Licht, so blau wie der Planet aus weiter Ferne. Ist das ein Film? Science Fiction? Es ist Adlershofer Wirklichkeit an diesem Samstagabend: Menschen erobern dieses Land. Es ist wie der erste Schritt auf den Mond, naja, fast. Wenn man bedenkt, dass dieses Territorium sonst nur betreten darf, wer die richtige Chipkarte zückt ... Ob es hier wohl auch Handlesegeräte gibt? Augenabtaster, wie in James-Bond-Filmen?

Zum Thema Programm: Termine und Höhepunkte der Langen Nacht der Wissenschaften Adlershof, das fremde Land, ist Berlins größter Wissenschafts-, Wirtschafts- und Medienstandort. Zwölf außeruniversitäre Forschungseinrichtungen haben hier ihren Sitz sowie die Institute für Mathematik, Informatik und Chemie der Humboldt-Universität und 570 Unternehmen mit etwa 8000 Beschäftigten. Viele der Einrichtungen sind normalerweise Hochsicherheitstrakte: Auch Adlershof kämpft gegen die internationale Konkurrenz um bahnbrechende Forschungsergebnisse, in Sachen Raumfahrt, Mikrochips, Sonnenenergie und vielem mehr. Doch an diesem Abend gab es keine Chipkarten, Handlesegeräte, Augenabtaster. Da präsentierten sich nicht nur in Adlershof, sondern stadtweit mehr als 80 Unternehmen, Labore, Museen und Forschungseinrichtungen jedem, der sie sehen wollte. Rund 60 000 Menschen wollten - in der ersten Langen Nacht der Wissenschaften.

Bessy ist eines der Wesen, die hier, im Wissenschaftsland, leben. In dieser Nacht ist sie viel besucht. Bessy heißt eigentlich Berliner Elektronenspeicherring-Gesellschaft für Synchrotronstrahlung und sie macht Licht, ganz unwissenschaftlich ausgedrückt. Infrarot-Licht und Röntgenstrahlen und UV-Licht und noch vieles anderes, was geeignet ist, Materialien zu durchleuchten und zu signalisieren, was drin ist. Manchmal schafft es das Licht auch nicht, das Material zu durchdringen. Das ist ebenfalls ein Hinweis auf bestimmte Stoffe - simpel ausgedrückt, wie gesagt. Naive Fragen hörten die Bessy-Physiker oft: "Was kostet Licht denn, wenn man es verkauft?" Antwort: "Unser Licht ist kostenlos für öffentliche Forschungseinrichtungen, weil wir selber von öffentlichen Geldern unterstützt werden." Frage: "Und warum ist hier alles mit Alufolie umwickelt?" Antwort: "Die Folie soll verhindern, dass Wärme austritt, denn wir müssen Leitungen erwärmen. Das hat etwas damit zu tun, dass unsere Pumpen zu schwach sind, um ein Vakuum zu erzeugen." Ach, ja? Immerhin wissen Bessy-Besucher jetzt, dass ein Dipol-Netzgerät 884 PS hat und nur einmal in 20 Jahren ausfällt. Dass ein Formel-1-Ferrari zwar 850 PS hat, dafür aber alle 13 Stunden zusammenbricht.

Es war wohl eine Mischung aus Faszination und Unverständnis, die den Abend beherrschte. Faszinierendes gab es vieles, Unverständliches auch, beim Bummel durch die nächtlichen Straßen der Wissenschaftsstadt: die Teilchenbeschleuniger-Anlage im Hahn-Meitner-Institut oder die künstlichen Fußball-Roboter, die "Humboldt Heroes". Oder: Wie bewege ich 800 Kilogramm per Zuruf? Am zahlreichsten kamen die Studenten, aber auch erstaunlich viele Kinder und ältere Besucher. Wer die Naturwissenschaften seit seiner Schulzeit gemieden hat, der erlebte in dieser Nacht sein blaues Wunder.

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