Berlin : Laube, Triebe, Hoffnung

Die Kleingartenanlage am Gleisdreieck ist gerettet. Sie wird in die Grünplanung des entstehenden Parks miteinbezogen

 Eva Kalwa
Da wächst was. Mitten in der Stadt haben es sich die Kleingärtner gemütlich gemacht. Lange Zeit sah es so aus, als müssten sie aus stadtplanerischen Gründen ihre Scholle räumen.
Da wächst was. Mitten in der Stadt haben es sich die Kleingärtner gemütlich gemacht. Lange Zeit sah es so aus, als müssten sie aus...

Auf den ersten Blick ist alles wie im Sommer vor zwei Jahren: Verschlungene Wege winden sich an übermannshohen Hecken vorbei, die Bäume hängen voller Äpfel und Pflaumen, wilder Rucola, Stockrosen und Goldruten blühen, und von irgendwo plätschert Wasser. Nach wie vor ist die Kleingartenkolonie „Potsdamer Güterbahnhof“, kurz POG, am Gleisdreieck ein verstecktes Idyll mitten in der Stadt. Dass es hier eine große Veränderung gibt, ist aber Klaus Trappmann anzumerken. Ganz anders als 2009 wirkt der Erste Vorsitzende der POG nicht bedrückt, sondern er plaudert fröhlich, vor Ideen für die Zukunft nur so sprühend. Denn es ist beschlossene Sache: Die Kolonie mit ihren 75 Kleingärten darf bleiben. Weder müssen im südlichen Teil rund 50 Parzellen dem Bau von Sportplätzen weichen, wie die Laubenpieper vor zwei Jahren befürchteten – anstelle dessen sollen laut Staatssekretärin Maria Krautzberger (SPD) in einigen Jahren sechs Sportplätze auf dem Tempelhofer Feld entstehen. Noch werden im nördlichen Teil 16 Parzellen dem Park am Gleisdreieck zum Opfer fallen, denn die Kolonie soll integraler Bestandteil des insgesamt rund 25 Hektar großen Parks werden.

Das Pilotprojekt, auf das sich Trappmann mit dem Senat, der Grün Berlin GmbH, den Architekten und anderen Bürgervertretern in der vom Bürgermeister Friedrichshain-Kreuzbergs, Franz Schulz (Bündnis 90/Grüne), geleiteten AG Gleisdreieck einigen konnte, heißt „Gärten im Garten“. „Am westlichen Rand des zukünftigen Parks gelegen, soll unsere Kolonie der entschleunigte, verwunschene Rand sein“, sagt Trappmann. Ebenfalls westlich von der ICE- und Regionalbahntrasse soll dort, wo sich derzeit noch Berge von mit Schutt durchsetztem Sand türmen und die äußersten Kleingärten als Vorposten der Kolonie schon besonders hübsch und künstlerisch gestaltet sind, bis 2013 die „Schöneberger Wiese“ entstehen: „Der Metropolenteil“, sagt die Kreuzberger Künstlerin und Schriftführerin der POG, Friederike Büchner. Ein großes offenes Areal als Multifunktionsfläche, unter anderem mit Spielplätzen, einem Strand, Basketball- und Bolzplätzen, einer Hundeauslauffläche und Asphaltwegen für Skater. Der östliche Teil zwischen den Yorckbrücken und dem Deutschen Technikmuseum mit der „Kreuzberger Wiese“ und einem Wäldchen steht schon kurz vor der Fertigstellung und wird am 2. September mit einem Bürgerfest eröffnet. Die Mittel für den Bau des Parks stammen aus Ausgleichszahlungen für die Bebauung von Potsdamer und Leipziger Platz.

Die Umsetzung des jetzigen Entwurfs war im Jahr 2006 gegen den Widerstand von Anwohnern und Interessengruppen beschlossen worden, die eine Erhaltung von Brachfläche und Wildwuchs forderten. „Es passiert sehr selten, dass sich eine Kleingartenkolonie gegen die drohende Abwicklung durchsetzen kann“, weiß Trappmann und sieht den positiven Ausgang darin begründet, dass es für die Brache am Gleisdreieck nie eine Baugenehmigung gab. „Hätten wir gegen einen Investor kämpfen müssen, wir hätten verloren“, sagt der 63-Jährige. Doch so glaubt er, „dass der Senat uns mag. Auch, weil wir immer vor Ort sind“. Der Lehrer an der Kreuzberger Schule für Erwachsenenbildung erzählt, dass zwischen den derzeitigen Sandbergen im Westpark, in denen manche leere Weinflasche von einer Privatparty zeugt, ganze Hundemeuten von ihren Besitzern frei herumgelaufen lassen würden und öfter Prostituierte unterwegs seien. „Die Gegend ist nicht unheikel“, meint Trappmann.

Das Versprechen der POG lautet „Öffnung unserer Gärten“. Dafür unternehmen die Laubenpieper, von denen entgegen den Klischees etliche jung und engagiert und einige nicht-deutscher Herkunft sind, schon länger etwas: Garten- und Kräuterführungen, regelmäßige Teilnahme am „Langen Tag der Stadtnatur“, Kooperationen mit dem Suchthilfeangebot ABO-Neukölln, Bewirtung von Fahrradgruppen, und zuletzt im Frühjahr die Kunstausstellung „Stay hungry“. Nun sollen Projekte mit Universitäten und mit Imkern, ein Naturerfahrungsraum für Kinder, ein Lehmbackofen für alle sowie Gemeinschaftsgärten folgen. In Richtung des Westparks werden neue Wege angelegt, so dass die Kolonie von mehreren Parkseiten zugänglich sein wird.

Trappmanns Lieblingsprojekt ist der zukünftige Marktplatz auf einem Stück ehemaligen Industriegeländes im nördlichen Teil der Kolonie. Derzeit ist hier nur ein Sandplatz, doch Trappmann sieht schon alles genau vor sich: Die Holzbänke, die vielen Besucher, die einfach aus Neugier, auf einen Plausch oder zum Tauschen von Pflanzen, Samen und Stauden vorbeikommen. Und auch den Eichenbaum, der dieser Idylle Schatten spenden wird. Zwar ist der fünf Jahre alte Baum erst zwei Meter hoch. Aber er hat ja jetzt viel Zeit zum Wachsen.

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