Berlin : Leben auf Durchreise

Peter Ruhenstroth-Bauer und Otto Fricke gehören seit Jahren zur Spezies der Berlin-Pendler. Und sie stehen dazu

Sven Goldmann

Natürlich haben sie auch die Kinder gefragt. Ganz am Anfang, lange vor dem Umzug. Vier Söhne, sie mögen sich nicht immer einig gewesen sein, bei diesem Thema waren sie es. Berlin? Also das ist ja wohl das allerletzte, könnt ihr voll vergessen, da gehen wir nie hin!

Mit diesem Prolog begann für Peter Ruhenstroth-Bauer das Projekt Regierungsumzug. Als 1998 Rot-Grün die Macht im Bund übernahm, sollte er für Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye das Bundespresseamt fit machen für den Umzug von Bonn nach Berlin. Ruhenstroth-Bauer war 42 Jahre alt und ehrgeizig. Aber Berlin? Er ist in Bonn geboren, er hat dort Politik und Jura studiert, als Redakteur gearbeitet und Karriere in der SPD gemacht. Seine Frau ist Lehrerin in Bonn, „sehr engagiert in ihrem Umfeld“. Also fuhr der Mann allein nach Berlin. Und zurück. Und hin. Und zurück. Und so weiter. Und so fort. Peter Ruhenstroth-Bauer ist ein Pendler der ersten Stunde, er blieb es später als Staatssekretär im Familienministerium, und noch heute, als selbstständiger Kommunikationsberater, mag er nicht vom Pendeln lassen. Die Musik spielt in Berlin. Aber zu Hause ist Bonn.

Viele Familien sind Ende der achtziger Jahre für fünf Tage in der Woche auseinandergerissen worden. In Internetforen kann man noch heute nachlesen, was Bonner Schüler damals vom Regierungsumzug hielten, nämlich gar nichts. Die Niederlande, Bolivien oder Tansania mögen unterscheiden zwischen Regierungssitz und Hauptstadt. Deutschland hat seine Regierung auf zwei Städte verteilt. Sechs Ministerien haben ihren Hauptsitz in Bonn, alle übrigen unterhalten dort Dependancen. Alle Jahre wieder hebt aufs Neue die Debatte an, ob die Regierung nicht komplett nach Berlin ziehen solle, und mit jedem Jahr verschieben sich die öffentlichen Sympathiewerte ein wenig Richtung Osten. Auch jetzt wieder, da das Innenministerium einen Bericht zum doppelten Regierungssitz vorgelegt hat. Zahlen werden diskutiert. Zur Stunde arbeiten 9148 Bundesbedienstete in Bonn und nur 8726 in Berlin, ein großer Teil von ihnen pendelt zwischen beiden Städten. Allein im vergangenen Jahr gab es auf dem Luftweg 132 000 Dienstreisen zwischen Bonn und Berlin.

Otto Fricke hat diesen Bericht geprüft. Der FDP-Mann ist 41 Jahre alt und seit dieser Legislaturperiode Vorsitzender des Haushaltsausschusses. Seit fünf Jahren pendelt er zwischen Berlin und Krefeld. Fricke weiß: Für die Hardliner der Berlin-Fraktion ist jeder Flug nach Bonn rausgeworfenes Geld, „aber wir leben nun mal in einem föderalen Staat, in dem nicht alles zentral verwaltet wird“, und dazu gehören nun mal auch Reisen. Die Kollegen aus der FDP-Fraktion haben ihm gesagt: Otto, lass die Finger von dem Thema, du kommst aus NRW, man könnte dir das als Parteilichkeit auslegen. „Aber als Haushälter kam das für mich nicht infrage. Da geht es um viel Geld, das ist mein Thema!“ Am Mittwochvormittag hat der RBB angerufen und gefragt: „Warum sind Sie dagegen, dass alles nach Berlin kommt?“ Fricke hat vorgerechnet, dass ein Wegfall der Dienstreisen bestenfalls 15 Millionen Euro im Jahr einsparen würde, ein Komplettumzug aber zwischen vier und sechs Milliarden Euro kosten würde. „Bei dieser Summe wären allein die zusätzlichen Zinslasten so hoch, dass man davon noch Jahrzehnte pendeln könnte“, aber selbstverständlich werde er sich dafür einsetzen, das Pendeln einzuschränken. Daraufhin meldeten sich am nächsten Tag die Kollegen von Radio Bonn/Rhein-Sieg an und fragten, ob er jetzt auch ins Berliner Lager übergelaufen sei.

Macht ein Totalumzug nach Berlin Sinn? Die Frage stelle sich nicht, sagt Peter Ruhenstroth-Bauer, schließlich gebe es ein Berlin-Bonn-Gesetz und einen Koalitionsbeschluss, an dieser Vereinbarung nicht zu rütteln. „Es kommt darauf an, die Aufgabenverteilung so zu organisieren, dass effizient gearbeitet werden kann. Die politische Leitungsebene gehört nach Berlin“, wer heute in der Politik Karriere machen wolle, der könne sich ein Verweilen am Rhein nicht leisten. „Aber konkrete Verwaltungsaufgaben können auch in Bonn konzentriert werden.“ Otto Fricke verweist auf das Justizministerium, „dort hat man diese Arbeitsteilung schon erfolgreich vollzogen.“ Aber müsse wirklich jeder nach Berlin ziehen? „Von der Leitungsebene kann ich das erwarten, von den Ministern, Staatssekretären und höheren Beamten.“ Aber auch von einem Botenmeister? Von einem Pförtner? Von jeder Sekretärin?

Und doch bleibt die Effizienz oft auf der Strecke. 20 Prozent könne man an Einsparungen noch herausholen, sagt der Chefhaushälter des Bundestags. Stimmen die Geschichten von den Referenten, die eigentlich schon in der Luft umdrehen könnten, weil der sie betreffende Tagesordnungspunkt gerade gestrichen wurde? Fricke nickt. „Ja, so etwas kommt vor, aber es ist die absolute Ausnahme.“ Und ein Staatssekretär, der am Tag viermal zwischen Bonn und Berlin pendele, der könne seine Arbeit auch anders organisieren. Jedes Ministerium verfüge heute über die Möglichkeit, Videokonferenzen zwischen Bonn und Berlin abzuhalten. „So eine Unterhaltung von Bildschirm zu Bildschirm kann das persönliche Gespräch natürlich nicht ersetzen“, sagt Fricke, aber manche Reise lasse sich auf diese Weise schon einsparen.

Auch Peter Ruhenstroth-Bauer ist jahrelang geflogen. Montags nach Tegel, freitags nach Köln-Bonn. Er kennt die Geschichten, die unter den Pendlern kursieren. Etwa die von dem Beamten, der im Flugzeug einen Schwächeanfall erlitt. Die Sanitäter trugen ihn gerade nach draußen, da erwachte der Staatsdiener aus der Ohnmacht, sprang auf und rief: „Meine Akten, wo sind meine Akten?“

Schnell hat Ruhenstroth-Bauer gemerkt, dass das mit dem Fliegen ganz schön anstrengend sein kann. Da war diese Beklemmung, wenn das Flugzeug durch die Wolken brach. Flugangst. Ganz plötzlich. Der Zug war damals noch eine halbe Ewigkeit unterwegs, „das war keine echte Alternative“, also hat er sich gezwungen, dieses Gefühl zu ignorieren. Viel lesen, bloß nicht daran denken, was passieren könnte. Nach drei Monaten war die Flugangst weg.

Otto Fricke genießt die Flüge. Eine Stunde am Tag, in der man sich zurücklehnen kann. „Und ich wusste ja, was auf mich zukommt.“ Die Abstimmung im Bundestag zwischen Bonn und Berlin im Juni 1991 hat er als Student in Freiburg verfolgt. „Ich gehörte zu den wenigen, die sich gefreut haben.“ Peter Ruhenstroth-Bauer hat fürs Radio über die Abstimmung berichtet. Nach dem Berliner Sieg ist er nach Hause gefahren und hat mit der Frau beschlossen, die Fassade des Hauses in Bad Godesberg zu renovieren. „Wir investieren jetzt in die Stadt Bonn.“ Er sei damals der Meinung gewesen, „dass sich Deutschland 50 Jahre nach dem Krieg noch keine gigantische Regierungszentrale erlauben darf. So haben damals viele gedacht.“ Solche Befürchtungen wurden genährt durch politische Instinktlosigkeiten. Verteidigungsminister Volker Rühe etwa wollte seine Soldaten zum Gelöbnis Unter den Linden marschieren lassen, na, am besten noch mit Fackeln durchs Brandenburger Tor.

Heute weiß Ruhenstroth-Bauer, dass diese Ängste unbegründet waren. Berlin habe dem Land gutgetan und der Politik einiges beigebracht über das wirkliche Leben. „Jede Fahrt mit der U-Bahn ist ein perfekter Seismograph für soziale Befindlichkeiten.“ In Bonn gibt es keine Obdachlosenzeitungen, gibt es keine U-Bahn, in der keiner mehr aufsteht, wenn Alte oder schwangere Frauen den Wagen betreten.

Ist der Politikbetrieb angekommen in der großen Stadt? Nicht wirklich, sagt Ruhenstroth-Bauer. „In Bonn haben wir alle unter einer Käseglocke gelebt, aber hier in Berlin gehen die Politiker, Beamten und Journalisten auch immer in dieselben Ecken.“ Ins Café Einstein oder ins Borchardt, die Bonner Ultras trinken ihr Kölsch in der Ständigen Vertretung am Schiffbauerdamm und sagen sich, wie schön es doch am Rhein war, mit einem richtigen Fluss und nicht diesem betonierten Rinnsal namens Spree.

Heute wohnt er am Kollwitzplatz, gar nicht so weit weg von Otto Fricke, der ein Apartment in der Marienstraße bezogen hat. Der bekommt den Heimweh- Blues oft am Donnerstag, „da weiß ich, dass mein Sohn beim Training auf dem Hockeyplatz ist, und ich sitze über meinen Akten.“ Der Sohn ist gerade acht geworden, die beiden anderen Kinder sind noch jünger, sie kennen den Vater nur als Pendler. Die Familie kommt oft zu ihm, über Pfingsten ist ein Besuch im Zoo geplant, bei Knut. „Mir ist es wichtig, dass Berlin für die Familie keine Konkurrenz ist“, sagt Fricke. „Ich mag diese Stadt. Ich arbeite und lebe gern hier.“

Auch Peter Ruhenstroth-Bauer mag nicht mehr weggehen, nicht einmal nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik, als vor knapp zwei Jahren Rot-Grün abgelöst wurde. Ohnehin sei die Stimmung radikal umgeschlagen, die Berlin-Feinde von damals sind heute glühende Bewunderer der neuen, alten Hauptstadt, „Sie wissen ja: Die Konvertiten sind die schlimmsten.“ Und die eigenen Kinder? Peter Ruhenstroth-Bauer lacht. „Die sagen heute: Also Berlin ist ja das absolut Beste! Warum habt ihr uns damals nicht zum Umzug gezwungen?“

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