Berlin : Leben auf Rädern

In der Provinz wäre er verkümmert, sagt Dirk König, der im Rollstuhl sitzt. In Berlin konnte er sich neu erfinden. „Eigentlich ist die Hauptstadt gut für Behinderte“, sagt er – aber nicht überall. Ein Protokoll

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Es fing alles mit ein paar Augenentzündungen an und seltsamen Knoten in den Beinen. Da war ich 13. Heute bin ich 40 und sitze im Rollstuhl. Ich kann ein bisschen gehen, an Krücken, aber die Krankheit ist tückisch. Richtig laufen werde ich nicht mehr. Morbus Behcet heißt die Krankheit, und eigentlich bekommen sie eher Menschen, die in der Türkei leben und in Japan. In Deutschland haben sie nur 500 Menschen. Jetzt hat sie auch einer in Berlin. Aber warum ich im Rollstuhl sitze, ist ja egal. Hier bin ich einer von etwa 27 000. Sagt der Senat. Ein guter Ort, um behindert zu sein. Klingt das seltsam?

In Ostwestfalen, wo ich herkomme, wäre ich verkümmert. Das weiß ich. Natürlich gibt es auch da Busse mit Einsteigehilfen, aber es geht eher darum, dass ich diese Zeit hinter mir lassen musste. Ich war ein Junge, der sich an die Mädchen nicht ran traute, zuerst, weil er hinkte und später, weil er zu Haus, ohne Führerschein, ohne Tanzstundenabschlussball, im Rollstuhl saß. Der dem jugendlichen Mainstream nicht hinterher wollte, weil er denen, die Fußball spielten und mit dem Interrailticket nach Marokko fuhren, sowieso nicht folgen konnte. Der sich also den Außenseitern anschloss, den Unsichtbaren, denen, die Hesse lasen und Tee tranken. Der aufs Behinderteninternat musste, weil die Schule ihn nicht mehr wollte. Mich nicht mehr wollte.

Am Bahnhof in Detmold habe ich mir damals immer den „Tip“ gekauft.

Ich wollte ganz weit weg, so weit, wie es eben ging, am liebsten auf eine einsame Insel. West-Berlin war ja damals so eine Insel. Es hat gedauert, bis ich erkannt habe, dass Bewegungsfreiheit eben relativ ist. Auch als Behinderter kann man einen Führerschein machen. Und dann ging ich nach Berlin . Und dann habe ich mich neu erfunden. Da war ich zwar auch der Rollifahrer, aber was für einer, das konnte ich frei entscheiden. Und ich wollte ein Punk sein. Ich zog nach Kreuzberg, obwohl die erste Wohnung eine Stufe vor der Tür hatte, aber das war mir egal. Ich trug Schwarz und einen Ohrring, ging zu den Konzerten der „Ramones“ und hing im „Café Anfall“ rum. Ich war keiner von den Unsichtbaren mehr, ich war einer von den Verrückten, noch ein bisschen verrückter, weil ich ja im Rollstuhl saß.

Ich wohne immer noch in Kreuzberg, mittendrin, am Mariannenplatz, nur dass ich jetzt eine so genannte barrierefreie Wohnung habe. Von der Eingangstür führt eine Rampe in den Hof. Blöd an Kreuzberg ist nur die viele Hundescheiße. Ich habe, wenn man so will, ja zwei ziemlich große Füße, und die um einen Haufen herumzumanövrieren… Sie werden übrigens nie einen Rollstuhlfahrer sehen, der eine weiße Jacke trägt. Wenn man was an die Räder kriegt, hat man’s auch gleich am Ärmel.

Manchmal denke ich, zu viel Zeit meines Lebens geht dafür drauf, mich mit Hundescheiße zu beschäftigen.

Ich stehe nicht für alle Behinderten. Ich kann nicht als Blaupause dienen: So lebt ein Behinderter. Da gibt es viele Abstufungen. Aber einige Probleme sind wohl immer gleich. Der Supermarkt. Das Drehkreuz am Eingang muss zur Seite geräumt werden. Jedes Mal brauche ich einen Verkäufer, der mir hilft. Dann immer die gleiche Szene. „Komme gleich“, ruft irgendeiner. Und ich stehe vor dem Drehkreuz und warte, und die Menschen gehen an mir vorbei. Dummes Gefühl. Menschen im Rollstuhl brauchen viel Geduld.

Ich gehe gerne aus. Aber rollstuhlgerechte Toiletten gibt’s nicht oft; wer auf zwei Füßen muss über so etwas schon nachdenken? Und dann gibt es in Berlin leider immer noch „no-go-areas" für Rollstuhlfahrer. Der Fernsehturm ist ganz tabu – aus „brandschutzrechtlichen Gründen". Das Kino in den Hackeschen Höfen hat mehr als zehn Treppenaufgänge. In der Waldbühne gibt es zwar spezielle Rollstuhlplätze – aber am oberen Ende der Ränge. Von da aus bestehen Bands nur noch aus gesichtslosen Männchen.

Stufen vor öffentlichen Gebäuden sind das Schlimmste. Meine Post an der Ritterstraße in Kreuzberg hat eine hohe Stufe vor dem Eingang. Letztens bat ich einen kräftig aussehenden Mann, mich raufzuschieben. Er sagte: „Ich habe was am Rücken.“

Seit ich ein eigenes Auto fahre, ist mein Aktionsradius viel größer geworden. Was wären auch die Alternativen? Die U-Bahnen am Kottbusser Tor oder am Görlitzer Bahnhof haben keine Rampen und selbst wenn: Aussteigen könnte ich auch nicht überall. Und dann würde ich irgendwo in der Stadt unter der Erde festklemmen. Es sind auch nicht alle Busse mit Hebebühnen ausgerüstet, und der Telebus für Behinderte, fährt nur nach Anmeldung. Zwei Tage im Voraus! Spontaneität? Fehlanzeige. Hindernisse lauern überall in Berlin. Ich kann zwar fast alle überwinden. Aber meist eben nur mit Hilfe.

Selbst in Berlin schauen aber viele weg. Kurz hin und weg. Einige, weil ihnen der Anblick eines Menschen im Rollstuhl unangenehm ist, andere, weil sie meinen, sie machen mich verlegen. Ich leide nicht darunter. Manchmal finde ich es sogar lustig. Wenn ich auf einem Konzert Leuten aus Versehen in die Hacken fahre, zum Beispiel: Dann entschuldigen die sich! Meist versuche ich dann wiederum, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich ihr Unwohlsein wahrgenommen habe, um sie nicht noch verlegener zu machen. Ich fange gleich an zu reden. So extrovertiert bin ich eigentlich nicht, aber ich muss ja nicht nur meine innere Barriere, sondern auch die der anderen überbrücken. Rollstuhlfahrer machen eben nicht nur streckenmäßige Umwege.

Ungeduldig, fast überaktiv werde ich nur, wenn ich mit jemandem ausgehe und der alles für mich in die Hand nimmt. Gerade war ich mit meiner Freundin in einem Restaurant. Der Kellner fragte sie, ohne mich eines Blickes zu würdigen: „Wo mag er denn sitzen?" Ist so ein Verhalten nun Unsicherheit oder Ignoranz? Ich weiß es nicht. Ich kann aber manche Blicke deuten, wenn wir spazieren gehen und uns küssen. „Ein Rollstuhlfahrer und eine Nichtbehinderte, geht das überhaupt?"

Großstädte wie Berlin sind für Rollstuhlfahrer grundsätzlich besser als die Provinz. Sie können das Leben ausfüllen. Ich hab schon viel ausprobiert, Rollstuhltanz, Rollstuhltennis, Reiten. Demnächst versuche ich Win Tsung, eine asiatische Kampfkunst. Ich habe mich mit meinem Rollstuhl arrangiert, bilde eine Einheit mit ihm. Ich habe gelernt, ein angemessenes Leben zu führen. Bin zufrieden. Ich denke nicht, dass ich ein tolles Leben führe. Was aber nicht unbedingt mit dem Rollstuhl zusammenhängt.

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