Leben und Lebenlassen : Eure dummen Fragen nerven!

Es heißt zwar, jede Frage müsse erlaubt sein. Aber viele sind einfach nur unhöflich und abwertend

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Wildfremde Menschen wollen wissen: "Jung oder Mädchen?" Warum ist das wichtig? Foto: imago/Westend61
Wildfremde Menschen wollen wissen: "Jung oder Mädchen?" Warum ist das wichtig?Foto: imago/Westend61

Eine ältere Frau bleibt auf der Straße stehen, fasziniert von meinem Kind, das gerade Eis isst. Es trägt ein türkisfarbiges T-Shirt mit Eis- und Kuchenkreationen in den Farben Rosa, Weiß und Gelb drauf. Die blonden Haare sind etwa kinnlang. Die Frau überlegt, bevor sie sagt: „Das schmeckt ihm aber ... es ist doch ein Junge, oder?“ Man sieht ihr an, dass ihr die Antwort in diesem Moment wirklich wichtig ist. Zufrieden wendet sie sich meinem Sohn zu, nennt ihn „junger Mann“, sagt noch etwas Belangloses über das Eis und geht weiter. Meine Rückfrage, warum das wichtig sei, hat sie überhört.

Schublade auf, Kind rein, Schublade zu. Ganz schnell geht das. In letzter Zeit ist uns dergleichen häufiger passiert, meist waren es wildfremde Menschen. Weil mein Sohn pinkfarbene Clogs trägt und oft lila gekleidet, sein Strohsonnenhut mit Katzenöhrchen und etwas Glitzer verziert ist.

"Junge oder Mädchen?"

Ich versuche, das Thema „Mädchen und Jungs“ möglichst kleinzuhalten. Ich sage etwa: „Guck mal, das Kind dahinten sucht jemanden, der mitwippt“ (nicht „das Mädchen“ oder „der Junge“). Mein Sohn spielt gern mit Mädchen, verkleidet sich sowohl als Bauarbeiter, Ritter und Arzt, aber auch als Prinzessin, Engel und Fee. Er mag Conni-Bücher und Pferde, aber auch Piraten und Dinosaurier.

Das Geschlechterthema ist aber mit vier Jahren ein sehr heikles, und entspannten Ansichten dazu stehen viele Einflüsse entgegen. So spielt einer seiner Freunde nur noch nachmittags (heimlich) mit Mädchen, weil andere Jungs in seiner Kita-Gruppe beschlossen haben, dass bei ihnen Geschlechtertrennung herrscht. Wenn mein Sohn zum Spielzeugtag mal etwas „Mädchenmäßiges“ mitbringt, kommentieren die anderen Jungs das durchaus negativ. Die Folgen blitzen immer wieder durch: Neulich sagte mein Sohn zu mir: „Du darfst hier nicht durch, du bist ein Mädchen.“ Einmal habe ich schon „Mädchen sind doof“ von ihm gehört – und dann ein ernstes Wörtchen mit ihm geredet.

Wenn uns jetzt alle möglichen Fremden durch ihre Fragen zeigen, dass es wichtig ist, auf den ersten Blick zwischen Mädchen und Jungs zu unterscheiden, ist das kontraproduktiv. Klar, es gibt ein zutiefst menschliches Bedürfnis danach, Menschen und Situationen nach einfachen Kategorien zu ordnen. Und zwar immer dann, wenn etwas – sei es auch nur minimal – von der Norm abweicht. Wahrscheinlich haben Menschen sich das im Lauf der Evolution so angewöhnt, weil es Orientierung im Alltag bietet.

"Woher kommst du wirklich?"

Aber nicht immer, wenn man diesen Impuls verspürt, ist es richtig, ihm nachzugeben. Es mag bequem sein für jene, die wissen wollen, sorgt aber für Verdruss bei denen, die in Erklärungsnot geraten. Wobei die Überlegung durchaus brisant ist, ob nicht in einer aufgeklärten Gesellschaft jede Frage erlaubt sein müsste. Ich glaube nicht. Oft habe ich erlebt, dass ziemlich dunkle Haare und Augen zu haben ausreicht, um ungläubige Sätze zu hören wie: „Aus Hamburg? Nein, woher kommst du wirklich? Ich meine deine Eltern.“ Aber das ist doch echtes Interesse, mag man einwenden. Das ist doch schön! Nein, ist es nicht.

Die Fragen haben mit echtem Interesse so viel zu tun wie ein Schokoriegel oder Chips mit einer gesunden Mahlzeit: Leute, denen man begegnet, in Bezug auf ihr Geschlecht, die ethnische Herkunft oder andere Kategorien unbedingt einordnen zu wollen, ist in etwa dasselbe, wie immer einen Schokoriegel zu kaufen, wenn man einen sieht.

Echtes Interesse sieht anders aus.

Nie haben mich die Leute noch nach etwas anderem gefragt, nachdem die Woher-kommst-du-wirklich-Frage geklärt war. Echtes Interesse sieht anders aus. Und Kindern wird vor Augen geführt, dass sie nicht völlig den immer noch üblichen Geschlechternormen entsprechen. Mein Vorschlag: sich lieber einen Schokoriegel kaufen und in den Mund schieben. Oder noch besser: ein richtiges, interessiertes Gespräch beginnen, ohne eine wertende Frage. So lernt man die Menschen, die von der Norm (minimal) abweichen, richtig kennen. Und irgendwann kennt man sich so gut, dass man ganz offen über Herkunft oder Geschlecht reden kann.

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