Berlin : Lebenswege: Ein neuer Start nach 27 Jahren Sucht

Claudia Keller

Den geraden Weg gibt es nicht, sagt Uwe Tobias heute. Mit 12 Jahren hat er einen Weg eingeschlagen, den er schnurstracks weiterging, bis er 39 war. Am Anfang stand eine Büchse Bier, am Ende standen zwei Flaschen Korn, eine Palette Bier, eine Flasche Wein am Tag. „Ich wollte mich totsaufen.“ Heute arbeitet der 43-Jährige, mittelgroß, blondes schütteres Haar, Jeans und Sweatshirt, ehrenamtlich als Kindergärtner und Hausmeister. An sein früheres Leben als Alkoholiker auf der Straße erinnern nur seine Hände. Sie wirken geschwollen und sind rot. Dass es Tobias schon vier Jahre geschafft hat, trocken zu bleiben, liegt an denen, die er um sich hat und die ihm das Gefühl geben, etwas wert zu sein und ihm Verantwortung übertragen. Erst die Leute von der Stadtmission, die ihn nach der Entziehungskur in seiner ersten Wohnung betreuten. Heute ist es der Pfarrer von der Gemeinde Frankfurter Allee.

„Dass mich jemand annimmt, hätte ich nie gedacht“, sagt er. Um sein Leben in den Griff zu bekommen, musste Tobias erst einmal den Blick auf die Ruinen seines Lebens wagen, nach 27 Jahren Alkoholrausch und sieben Jahren auf der Straße. Nach der Wende fand Tobias in Berlin keine Arbeit mehr, seine Frau ließ sich scheiden, er hatte keine Wohnung mehr, aber immer mehr Alkohol im Blut. Mit 4,7 Promille ist Tobias vor vier Jahren eine Treppe runtergestürzt und hat sich das Sprunggelenk zertrümmert, Bänder und Sehnen zerrissen. Als ihm der Arzt drohte, das Bein abzunehmen, begann er eine Therapie. Diesmal schaffte er es, dank der Betreuerin.

„Heute ist meine Betreuerin eine gute Freundin“, sagt Tobias, „das schafft nicht jeder“. Rückfällig könne er schon deshalb nicht mehr werden, weil er dann so viele enttäuschen würde. Er wünscht sich eine richtige Arbeit und möchte Geld verdienen. Eine Umschulung verweigere ihm das Arbeitsamt, denn dort gelte er mit seinen 43 Jahren als hoffnungsloser Fall. Er würde sich gerne um Kinder oder Alte kümmern. Er selbst hatte drei Kinder, zwei sind erwachsen, der Kontakt ist abgebrochen. Eines ist gestorben. „Kinder sind die Zukunft“, sagt er. Zurück mag er nicht gerne schauen, war keine gute Zeit.

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