Berlin : Leere Schwimmbecken: Berlin will den Sommer erzwingen

Michael Brunner

Wenn der Sommer nicht von allein zurückkehrt, wird er eben herbeigezwungen. Nach diesem Motto handelten die Berliner Bäderbetriebe, in dem sie gestern bei bedecktem Himmel und Temperaturen um 20 Grad elf vorübergehend geschlossene Freibäder wieder aufmachten. Um Kosten zu sparen, hatten die Verantwortlichen in der letzten Woche die Bäder Weißensee, Jungfernheide, Tegelsee, Wendenschloss, Friedrichshagen, Grünau, Plötzensee, Kinderbad Platsch, West-Staaken, Wuhlheide und Humboldthain geschlossen.

Die Menschen auf der Straße schlossen fröstelnd die Jacken oder schauten verstört zum Himmel. Dort war am Freitag nichts als eine dichte graue Wolkendecke zu sehen. So war es auch kein Wunder, dass die wieder geöffneten Freibäder fast völlig leer blieben. Während sich viele Berliner ins Schicksal fügten und fürs erste Ferienwochenende Regenjacke und Gummistiefel bereitlegten, leisteten ein paar Tapfere Widerstand. Sie gingen bei herbstlichem Wetter schwimmen oder machten einen Abstecher zur Eisdiele. Die Sonne zeigte sich den ganzen Tag über nicht. Dies zur Enttäuschung der Berliner und der Bäderbetriebe. Deren Sprecher Manfred Radermacher war fest entschlossen, der kühlen Witterung zu trotzen. "Die Bäder bleiben jetzt auf", sagte er und kündigte eine Reihe von Veranstaltungen für die nächste Woche an. Am 26. Juli soll es im Strandbad Wannsee ein Strandfest mit Spiel und Sport für Kinder und Jugendliche geben. Am 27. Juli ist das Strandbad Müggelsee an der Reihe und am 28. Juli Plötzensee. Die Bäderbetriebe wollen Jungen und Mädchen mit Volleyball, Basketball und Fußball auf die Spielflächen neben den leeren Schwimmbecken locken.

Das Freibad Humboldthain erreichte gestern die Bestmarke. Bis zum frühen Nachmittag erschienen zwölf Badegäste, um bei 23 Grad Wassertemperatur zu schwimmen. "Wir sind einfach nur verrückt", sagte Maria von Bodecker aus Wedding, die am frühen Nachmittag frierend und mit blauen Lippen ihre Bahnen zog. Schwimmmeister Mathias Braden widersprach zwar nicht, würdigte aber den sportlichen Geist der Besucher. "Heute Vormittag kam eine alte Dame aus Wedding, die seit 35 Jahren Stammgast ist. Sie absolvierte wie jeden Tag ihre 20 Bahnen", sagte er. Bereits um acht Uhr hatten nach Bradens Worten zwei Schwimmlustige an den Türen gerüttelt. "Ein Rentner und eine Rentnerin konnten es kaum erwarten, bis wir mit dem Saubermachen fertig waren". An einen ähnlich kalten Juli konnte sich der 34-jährige Freibad-Chef nicht erinnern. So wärmte er sich mit Tee aus der Thermoskanne und mit Gedanken an seinen Mexiko-Urlaub im November.

Das Freibad mit der großen Rutsche fasst 4000 Gäste und bei richtigem Sommerwetter ist es dort immer voll. Dabei hatte das Bad im Humboldthain immerhin Besucher. Kein einziger Besucher verirrte sich bis gestern Mittag bei 18 Grad im Wasser und 15 Grad Lufttemperatur ins Freibad Wendenschloss. "Es ist fast herbstlich, darum hat sich keiner hergetraut", sagte Schwimmmeister Christian Schloder.

Auch am Weißen See (Wasser 17 Grad, Luft 17 Grad) blieben die Gäste aus, ebenso am Orankesee (Wasser 19 Grad, Luft 18 Grad) in Hohenschönhausen. Auch die Eisdielen klagen über das schlechte Wetter. "Wir verkaufen 60 Prozent weniger Eis, das Geschäft läuft brutal schlecht", sagte Paolo Savaris vom "Dolce Freddo" in der Potsdamer Straße. Savaris hofft jetzt auf den Spätsommer. Etwas anderes bleibt dem Eismann auch nicht übrig, denn fürs Wochenende haben die Meteorologen wechselhaftes Wetter vorhergesagt. Dennoch konnte Savaris ein paar Eistüten über die Theke reichen. Beispielsweise an Katarzyna Skupny aus Krakau, die an der Technischen Universität Kunstwissenschaft studiert. "Eis mag ich bei jedem Wetter", sagte die 24-Jährige und ließ sich ihr Malaga und Panna Cotta schmecken.

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