Berlin : Lehrer und Schüler: Gestern revolutionärer Heißsporn, heute Minister

Andreas Conrad

Die beiden Herren, die sich an einem Januarabend des Jahres 1868 in einem Regierungspalais in der Berliner Wilhelmstraße gegenübersaßen, verstanden sich offensichtlich gut. Dabei konnte ihre Biografie kaum gegensätzlicher sein. Der eine die Inkarnation des Junkers, konservativ bis in die Knochen, darin politisch ungemein erfolgreich, mittlerweile preußischer Ministerpräsident, später würde man ihn den Eisernen Kanzler nennen. Der andere der "General Schurz aus den Vereinigten Staaten", so hatte Bismarck den Besucher seiner Frau vorgestellt, aber das war nur ein Bruchteil der Wahrheit. Gewiss, Carl Schurz, inzwischen Privatier, politischer Journalist für diverse liberale Blätter in den Staaten, hatte unter Lincoln im amerikanischen Bürgerkrieg gedient. Geboren aber war er in einem Dorf bei Köln, ein Preuße also auch er, doch hatte er sich mit der Obrigkeit in seinen jungen Jahren nicht nur ein wenig geprügelt, sondern zu den Waffen gegriffen, den Staat mit Pulver und Blei attackiert und ihm einen seiner prominentesten Gefangenen entrissen, den zu lebenslanger Haft verurteilten und im Zuchthaus zu Spandau eingekerkerten Professor und Demokraten Gottfried Kinkel. Das war 1850 gewesen, und wenn Bismarck auch nicht ahnen konnte, dass sein Gegenüber, der ehemalige Revolutionär, es wenige Jahre später sogar zum amerikanischen Innenminister bringen würde, so respektierte er ihn, den politischen Profi, doch als seinesgleichen. Zumal ihm, wie er Schurz verriet, die Nachricht von der Befreiung damals ungemein "Spaß gemacht" habe. Schurz wiederum, der an dem Abend dem ungläubig staunenden Bismarck das Funktionieren der amerikanischen Demokratie zu erläutern versuchte, schwärmte später in seinen "Lebenserinnerungen" von dem "eigenartigen Zauber in der Gegenwart des Riesen, der bei aller Größe doch so menschlich schien."

Die geglückte Gefangenenbefreiung hatte Carl Schurz seinerzeit mit einem Schlag zu einem international berühmten Mann gemacht. Noch ein gutes Jahr zuvor schien seine politische Laufbahn, ja sein Leben insgesamt aber fast zu Ende. Das Feuer der 48er Revolution, an der sich auch Schurz und sein Lehrer und Freund Kinkel beteiligt hatten, war rasch wieder erloschen oder genauer: es war ausgetreten worden. Im Sommer 1849 hatte sich das vereinigte badisch-pfälzische Heer bei Rastatt den Soldaten der Reaktion ergeben. Kinkel wurde verwundet gefangengenommen, zu lebenslanger Haft verurteilt und nach Spandau gebracht. Schurz hatte durch einen Abwasserkanal aus der eingekesselten Festung Rastatt fliehen und sich der Gefangennahme und wahrscheinlichen Hinrichtung entziehen können. Im Schweizer Exil erreichte ihn ein Hilferuf von Kinkels Frau, die zu Recht befürchtete, dass ihr Mann die Haftbedingungen kaum lange überstehen dürfte. Mit Hilfe eines falschen Passes kehrte der treue Student nach Deutschland zurück, traf erste Vorbereitungen für die Befreiung. Am 11. August 1850 kam er in Berlin an.

Das 1898 abgerissene Zuchthaus nahm in der Spandauer Altstadt den gesamten Block zwischen der heutigen Carl-Schurz-Straße, Charlotten-, Kinkel- und Moritzstraße ein. Kinkel war in einer Einzelzelle im ersten Stock untergebracht. Eine bewaffnete Befreiung verbot sich, in Spandau wimmelte es nur so von Militär. Eine Feile einzuschmuggeln hatte angesichts von "Kinkels Ungeübtheit in handlichen Verrichtungen" auch keinen Sinn, wie Schurz sich sagte. Blieb nur der Weg über die Wärter, Bestechung also. Zum Glück war Schurz mit entsprechenden Mitteln versehen. Man hatte gesammelt, die Summe hatte sich der revolutionäre Student in Berlin bei einer Verwandten des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy abgeholt.

Über einige Vertraute, darunter den angesehenen Spandauer Gastwirt Krüger, der das erste Haus am Platz führte, suchte Schurz Kontakt zu Aufsehern. Die ersten drei erklärten sich nur bereit, Kinkel ab und zu Essen zuzustecken. Immerhin bewahrten sie Stillschweigen. Erst beim vierten hatte Schurz Glück, einem gewissen Brune, der ihn durch sein festes Auftreten beeindruckte, seine Familie mit dem kargen Gehalt kaum ernähren konnte und zudem Kinkels Haftbedingungen als "Gottesschande" empfand. Nach einem ersten Plan sollte Brune Kinkels Zelle nachts heimlich aufschließen und ihn nach draußen führen, in der entscheidenden Nacht aber hatte der Gefängnisinspektor die Schlüssel nicht am gewohnten Platz deponiert, sondern versehentlich mit nach Hause genommen. In der nächsten Nacht, am 6. November 1850, versuchte man es gleich noch einmal. Diesmal war der Schlüsselbund an seinem Ort, Brune holte Kinkel aus seiner Zelle und brachte ihn aufs Dach, von wo der Flüchtige sich mit einem Seil herunterließ.

Der Bericht von der Flucht, den Schurz Jahrzehnte später in seinen "Lebenserinnerungen" gab, liest sich wie ein Drehbuch zu einem Actionstreifen: konspirative Treffen, Pistolen im Gürtel, Gummischuhe gegen Lärm, zu Boden polternde Mauerstückchen, die dann doch niemanden aufwecken, schließlich das Davoneilen auf nächtlichen Landstraßen, das Täuschen der Verfolger, die heimliche Einschiffung in Rostock mit England als rettendem Ziel - eine schon klassische Flucht, filmreif allemal, hochspannend und auch komisch. Der Zufall wollte es, dass einige Gefängniswärter in Krügers Hotel Geburtstag feierten, mit Punch, den der Gastwirt besonders hochprozentig gestaltet hatte. Es war zugleich für Kinkel der Willkommenstrunk in der Freiheit. Kaltblütig hatte sich Krüger von den Zechbrüdern einige Gläser "für ein paar Berliner Freunde" erbeten.

Zum Filmhelden hat Carl Schurz es später tatsächlich noch gebracht, allerdings nicht als preußischer Revolutionär, sondern als Politiker in Amerika. Hollywood griff dazu besonders auf emigrierte europäische Schauspieler zurück, der berühmteste Schurz-Darsteller war der aus Rumänien stammende Edward G. Robinson, der 1963 in John Fords "Cheyenne" an der Seite Richard Widmarks die Indianer vor dem letzten Massaker bewahrt. Vom revolutionären Heißsporn zum Menschenfreund im Ministerrang - eine preußische Bilderbuchkarriere!

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