Berlin : Lehrter Bahnhof: Die Glashäuser kommen doch

Klaus Kurpjuweit

Aufatmen bei den Stadtplanern: Der neue Lehrter Bahnhof wird doch kein Torso. Die beiden Bürotrakte, die die Gleise der Stadtbahn überspannen, werden gebaut. Die Bahn hatte erwogen, auf die so genannten Bügelbauten aus Kostengründen zu verzichten. Nach Angaben des Berliner Bahnchefs Peter Debuschewitz gibt es inzwischen aber so viele Bewerber für die Häuser, dass die Bahn in diesem Jahr "in aller Ruhe" einen Investor aussuchen kann.

Die zehnstöckigen Hochbauten gehören zum Konzept des Architekturbüros von Gerkan, Marg und Partner aus Hamburg. Sie sollen, schräg angeordnet, den Verlauf des Nord-Süd-Tunnels mit den vier Bahnsteigen in 15 Meter Tiefe symbolisieren. Zudem sind sie Bindeglied zum Stahl-Glas-Dach über den Gleisen der oberirdischen Stadtbahn. Diese aufwendige Dachkonstruktion benötigt nach den bisherigen Plänen die "Bügelbauten" zur Verankerung. Ohne deren Bau müssten die Pläne geändert werden. Dazu hätte die Bahn nach eigenen Angaben Zeit bis Ende des Jahres.

Für die attraktive Lage, dicht beim Kanzleramt und direkt über den Gleisen des künftigen Berliner Zentralbahnhofes, haben sich nach Angaben von Debuschewitz, nachdem die Bahn AG auf den Bau verzichtet hatte, genügend Investoren gefunden, die die Flächen vermarkten wollen. Entstehen werden rund 43 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche. Ursprünglich hatte die Bahn geplant, selbst in den Bahnhof einzuziehen. Bahnchef Hartmut Mehdorn hat sich dann aber den Sony-Turm als Dauer-Domizil für den Vorstand ausgeguckt. Dort zahlt die Bahn nun Miete.

Als Bauherr für die Bürotrakte des Lehrter Bahnhofes wollte die Bahn AG nicht mehr selbst auftreten, weil schon die Kosten für den reinen Bahnhofsbereich aus dem Ruder gelaufen sind. Etwa 800 Millionen Mark sollte der größte Turmbahnhof Europas ursprünglich kosten. Inzwischen sind die Kosten auf mehr als eine Milliarde Mark gestiegen.

Betriebsbereit sein soll der Bahnhof nach den aktuellen offiziellen Plänen der Bahn im Sommer 2006 zur Fußball-Weltmeisterschaft, deren Endspiel in Berlin stattfindet. Ursprünglich war vorgesehen, dass die ersten Züge dort bereits 2000 hätten halten sollen - wenn Berlin den Zuschlag zu den Olympischen Spielen für jenes Jahr bekommen hätte. Seither wurde der Eröffnungstermin mehrfach verschoben.

Welches Umfeld der künftige Investor am Lehrter Bahnhof vorfinden wird, ist aber weiter ungewiss. Derzeit ist nicht abzusehen, ob der preisgekrönte städtebauliche Entwurf von Oswald Mathias Ungers umgesetzt wird. Es sieht unter anderem ein Hochhaus und eine Blockbebauung um den Humboldthafen vor. Die Hochhauspläne sind bereits auf Eis gelegt.

Trotzdem drängt der Senat die Bahn AG, den Hamburger und Lehrter Güterbahnhof an der benachbarten Heidestraße, auf dem vor allem Container umgeschlagen werden, aufzugeben, um auch diesen Bereich städtebaulich entwickeln zu können.

Zu einem Umzug in den Westhafen sei die Bahn aber nur bereit, wenn der Senat für die der Bahn entstehenden Kosten aufkommt, machte Debuschewitz jetzt klar. Der Westhafen soll zu einem Logistikzentrum für den Güterverkehr ausgebaut werden.

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