Berlin : Lehrter Bahnhof – klingt das wie Posemuckel?

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Von Klaus Kurpjuweit

Berlin hat keinen Hauptbahnhof – und befindet sich damit in bester Gesellschaft, unter anderem mit Paris und London. Dort gibt es immer noch ein dezentrales System mit zahlreichen Kopfbahnhöfen, während sie in Berlin seit 1952 alle verschwunden sind. Jetzt soll die Stadt nach dem Willen von Bahnchef Hartmut Mehdorn und Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) einen Haupt- oder Zentralbahnhof bekommen, der bereits in Bau ist – und offiziell noch Lehrter Bahnhof heißt.

Die ersten Bahnhöfe in Berlin, in privater Regie errichtet, entstanden vor der damaligen Stadtmauer und wurden von ihren Gesellschaftern nach den Städten genannt, die zunächst Endpunkt ihrer Linien waren. So entstanden der Potsdamer, der Frankfurter, der Hamburger, der Görlitzer, der Stettiner, der Dresdener, der Anhalter und der Lehrter Bahnhof. Er erhielt seine Bezeichnung 1871 nach der bei Hannover liegenden Stadt Lehrte, weil dort die Berliner Gleise in die vorhandenen Anlagen der Hannoverschen Bahn mündeten.

Einen Zentralbahnhof gab es weder dem n nach noch im Betriebskonzept. Die Kopfbahnhöfe sowie die Stationen auf der Stadtbahn wickelten jeweils „ihren“ Verkehr ab. Erst die Nationalsozialisten wollten den Verkehr auf nur noch zwei Bahnhöfe konzentrieren und planten gigantische Bahnhöfe im Norden und Süden der Stadt, die die Kopfbahnhöfe ersetzen sollten.

Während daraus nichts wurde, nutzten die Planer nach der Wende die Gelegenheit, doch einen zentralen Bahnhof zu bauen. Die allein noch vorhandene Stadtbahn mit ihren zwei Gleisen für den Fernverkehr und den Fernbahnhöfen Ostbahnhof und Zoo reicht für den Verkehr der vereinigten Stadt auf Dauer nicht aus. So entstand das so genannte Pilzkonzept, das sich gegen das Ringmodell durchsetzte.

Beim Ringkonzept hätte die Ringbahn für den Fernverkehr ausgebaut werden sollen, ein Zentralbahnhof wäre dabei nicht entstanden. Zum Pilzkonzept gehört als wesentlichster Teil der neue Nord-Süd-Tunnel unter dem Tiergarten, für den die ersten Pläne bereits kurz nach der Jahrhundertwende entwickelt worden waren. Schon damals war dabei eine Verbindung über den Lehrter Bahnhof vorgesehen.

Dieser Standort hatte sich für die neue Umsteigestation zwischen der unterirdischen Nord-Süd- und der oberirdischen Ost-West-Verbindung gegenüber dem Bahnhof Friedrichstraße durchgesetzt. Am Standort des ehemaligen Lehrter Bahnhofs gab es reichlich Baufreiheit. Der Turmbahnhof mit der Kreuzung der Schienenstränge auf verschiedenen Ebenen wird der größte seiner Art in Europa werden. Die Planer rechnen mit weit über 200 000 Kunden täglich.

Seiner Bedeutung entsprechend soll er nach dem Willen der Bahn und des Senats, auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) unterstützt die Änderung, einen neuen Namen erhalten, der auch Ortsfremden eine Orientierung ermögliche. Im Gespräch sind neben Haupt- oder Zentralbahnhof auch Berlin–Mitte oder Berlin-City.

Namensänderungen von Bahnhöfen sind für Berlin nicht neu. Gleich mehrfach änderte der heutige Ostbahnhof seine Bezeichnung. Eröffnet als Frankfurter Bahnhof wurde er kurze Zeit später zum Niederschlesisch-Märkischen Bahnhof, dann zum Schlesischen Bahnhof, dem der Ostbahnhof folgte, aus dem die DDR zum Stadtjubiläum 1987 einen Hauptbahnhof machte, der fast keinen Fernverkehr hatte, bis aus ihm 1998 wieder der Ostbahnhof wurde. Aus politischen Gründen wurde nach dem Krieg auch aus dem Stettiner der Nordbahnhof.

Der Lehrter Bahnhof hatte seinen Namen auch behalten, als er die Züge von und nach Hamburg aufnahm, nachdem der Hamburger Bahnhof kurze Zeit nach seiner Eröffnung geschlossen worden war. Richtig populär sei der Lehrter bei den Berlin aber nie geworden, schreibt der Eisenbahnhistoriker Alfred Gottwaldt. Seine Ziele im Ferienverkehr – Föhr, Amrum und Sylt – waren für die meisten Berliner schlicht zu teuer. Teuer wird auch der neue Bahnhof. Rund eine Milliarde Mark wird er kosten. Milliarden-Bahnhof steht aber nicht auf der Vorschlagsliste.

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