Berlin : Lehrter Bahnhof: Weitere Verspätung

Klaus Kurpjuweit

Verkehrte Welt: Gestern wurde, nach dem Schließen der letzten Lücke im Nord-Süd-Tunnel der Bahn, die Baufläche am Lennédreieck beim Potsdamer Platz an die Investoren der Hochbauten übergeben. Bereits am Mittwoch war am Lehrter Bahnhof der letzte Abschnitt der vier Ost-West-Brücken komplettiert worden. Und trotzdem ist völlig ungewiss, wann die ersten Züge durch den Tunnel fahren werden. Verschiebt sich der Termin erneut, müssen auch die Autofahrer weiter auf die Durchfahrt im parallelen Straßentunnel warten. Auch hier fehlt der Abschnitt unter dem Lehrter Bahnhof.

Verspätung hat der Bau des gigantischen Lehrter Bahnhofs. Im Frühjahr sollte mit dem Bau des komplizierten Hallendaches begonnen werden. Zu sehen ist davon jedoch noch nichts. Damit ist für die Planer aber auch klar, dass die Züge frühestens 2003 über die neue Trasse fahren können. Die so genannte Umschwenkung der Gleise war zuletzt für 2002 vorgesehen. Da die Planer für den anschließenden letzten Abschnitt mit einer Bauzeit von etwas vier Jahren rechnen, würde der Superbahnhof erst 2007 fertig sein - dem Jahr nach der Fußball-Weltmeisterschaft.

Offiziell gibt die Bahn noch Durchhalteparolen aus. Neue Termine will sie erst nennen, wenn auch der Vorstand damit einverstanden ist. Vor kurzem hatte die Bahnspitze dem Senat noch versichert, der Lehrter Bahnhof werde, wie geplant, zur Fußball-Weltmeisterschaft betriebsbereit sein. Auch in den Jahren zuvor klammerten sich die Verantwortlichen an Termine, von denen längst klar war, dass sie nicht eingehalten werden konnten.

Beim Bau des Bahnhofes mit seiner 430 Meter langen Halle hat man fast jede erdenkliche Schwierigkeit eingebaut. Gut 15 Meter unter der Erde werden die Züge im Nord-Süd-Verkehr an vier Bahnsteigen halten, neun Meter über der Erde verlaufen die Gleise der Ost-West-Richtung mit zwei Bahnsteigen für die Fern- und einem Bahnsteig für die S-Bahn. Sie liegen jeweils auf etwa 700 Meter langen Brücken, die im Bogen verlaufen. Über den sechs Gleisen und drei Bahnsteigen wölbt sich ein etwa 16 Meter hohes Glasdach mit einer Spannweite zwischen 46 und fast 68 Metern. Fast jedes Segment hat deshalb andere Maße. In der Mitte der Halle sollen zwei Hochbauten die Ost-West-Gleise in Nord-Richtung kreuzen. Und zwischen diesen "Bügelbauten" entsteht ein weiteres Glasdach. Für die Gebäude sucht die Bahn derzeit Investoren. Interessenten seien vorhanden, heißt es.

Mit diesem Entwurf des Hamburger Büros von Gerkan, Marg und Partner gehen die Ingenieure an die Grenze des derzeit Machbaren. Entsprechend zurückhaltend sind die Genehmigungsbehörden. Ihr Motto heißt: "Sicherheit vor Tempo". Ein abschließendes Votum liegt bis heute nicht vor. Entworfen, geprüft und gebaut wurde bisher fast gleichzeitig. Doch jetzt besteht das Eisenbahnbundesamt (EBA) auf einer Komplettplanung. Und das dauert. Auch wenn die Bauleute jetzt den Ablaufplan ändern, glaubt fast keiner, dass der Termin 2006 noch gehalten werden kann.

Die Planer versuchen aber, mit Regionalzügen vorher wenigstens von Süden her bis zum Potsdamer Platz zu fahren. Die Röhren vom Beginn des Tunnels am Gleisdreieck bis vor den Lehrter Bahnhof sind nach dem Schließen der letzten Lücke am Lennédreieck nun durchgehend begehbar. Da die Ausschreibung für die technischen Anlagen gezeigt hat, dass ein Ausrüsten von zunächst nur zwei der vier Röhren kaum billiger wäre als eine vollständige Ausstattung, werden jetzt wohl doch alle vier Röhren von Anfang an Gleise erhalten. Doch noch fehlt für die Zulaufstrecke über die Anhalter Bahn durch Lichterfelde die Baugenehmigung.

Wie gebaut werden kann, will die Beisheim-Gruppe am Lennédreieck zeigen. Ein Komplex aus vier Gebäuden mit Hotels, Büros und Luxuswohnungen soll innerhalb von 20 Monaten in die Höhe gezogen werden. Das Gesamtinvestitionsvolumen beträgt fast eine Milliarde Mark. Eröffnung soll im Januar 2004 sein - zum Geburtstag von Otto Beisheim.

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