Leserdebatte : Soll der Senat Großplakate einschränken?

Werbung begleitet uns in der Stadt auf Schritt und Tritt, sie klebt an Denkmälern, Häusern, Bussen und Baugerüsten. Jetzt geht der Senat gegen Großflächenposter vor und macht sich stark für weniger Plakate im öffentlichen Raum. Was denken Sie darüber? Diskutieren Sie mit!

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Reklame am Bus. -Foto: Imago

Es wird immer mehr. An Hochhäusern leuchten Werbetafeln. BVG-Busse werden über die Fenster mit Werbefolien beklebt. Zweihundert Meter vom Martin-Gropius-Bau entfernt wehen vier Fahnen mit Werbung für den Gropius-Bau. Vom Charlottenburger Tor blickt das Model Linda Evangelista in Vertretung kosmetischer Utensilien Autofahrern ins Gesicht, die an der notorisch roten Ampel warten müssen. Werbung überall.

Man darf gespannt sein auf die Einkleidung der Siegessäule, die derzeit mit einem Baugerüst versehen wird. An diesem Montag will Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer sich zur Sanierung des Baudenkmals äußern. Die Senatorin hat sich gerade als Streiterin gegen den Ausverkauf des öffentlichen Raums an die Werbewirtschaft profiliert.

Wird es wirklich immer mehr? Da gehen die Meinungen auseinander. Werbung in der Großstadt war immer. Früher mag sie weniger bunt und aggressiv gewesen sein – heute schreien Lichtlaufbänder am Ku’damm oder auf Hochhäusern in Mitte gellend nach Aufmerksamkeit, und doch werden sich die Leute in ein paar Jahren auch daran gewöhnt haben. Ob Werbung immer lästiger wird – oder ob man bei immer mehr Werbung immer leichter über sie hinweg sieht, ist nicht zu klären. Es gibt Bauzäune mitten in Mitte, die wie Galerien wirken: Die jeweils jüngsten Kreationen der Plakatkunst konkurrieren im Ansagen von angesagten Bands. Stört das wen? Auf Papierkörben kleben Aufkleber mit Werbung für Martial-Arts-Training – eine interessante Subkultur. Auf anderen Mülleimern klebt Werbung der BSR – was soll das? Früher waren Taxen schwarz, heute sind sie elfenbeinfarben und voller Werbung, und mit ihnen konkurrieren Smart-Fahrer, die für einen Pflegedienst werben.

Es gibt keine Umfragen, die besagen, dass immer mehr Leute finden, es gebe zu viel Werbung. Dennoch hat sich Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge- Reyer die „Immer-mehr“-These zu eigen gemacht. Mit Hilfe einer neuen Bauordnung will Junge-Reyer erreichen, dass Megaposter wie das mit Linda Evangelista nicht mehr jahrelang hängen. Großplakate werden, so will es Junge-Reyer, nur noch für sechs Monate genehmigt.

Gerade um die Megaposter hat es viel Streit gegeben. Auf viele wirken sie übermächtig und penetrant. Großwerbeflächen verdunkelten die dahinter liegenden Räume, am Bettenhaus der Charité zum Beispiel. Andere Poster passten weder zum Gebäude noch zur Umgebung – wie an der Komischen Oper. Dort wird jeder Betrachter aufgefordert, in Sachen Alkohol die eigenen Grenzen zu kennen – als seien die Linden eine Landstraße. Am Charlottenburger Tor hatte die CDU kurz vor der Bundestagswahl eine riesige Werbung anbringen lassen. Doch politische Werbung ist an Liegenschaften des Landes Berlin nicht erlaubt.

Es gibt nicht nur einen Grund für den Streit um die Großflächen. Es geht dabei auch nicht bloß um Frau Evangelista oder die CDU oder Alice mit den Telefonen, die die Leute dümmlich dauerbelächelt. Es geht darum, ob ein liberaler Umgang mit der Werbung dazu geführt hat, dass sie nervt. Noch etwas kommt hinzu: Einige Politiker haben den Verdacht, dass Werbeflächen zum Selbstzweck geworden sind. Am Leipziger Platz zum Beispiel, der einen merkwürdig potemkinhaften Charakter hat. Vollendet wirkt er nur auf Kurzsichtige, die nicht sehen können, dass ein Drittel der Gebäude nur aus Folien bestehen. Einige Politiker haben den Verdacht, die Eigentümer der Brachen verdienten mit Großplakaten so viel, dass es für die jährlich fälligen Steuern reiche. Auch deshalb kämen Bauvorhaben nicht wirklich voran.

So aber war das nicht gedacht mit den Großplakaten. An den Baugerüsten am Brandenburger Tor oder am Charlottenburger Tor sollten sie Geld für die Sanierung der Gebäude bringen – Geld, das sonst die Bürger per Steuern aufbringen müssten. Inzwischen sind sich Politiker von der Stadtentwicklungssenatorin über den SPD-Baustadtrat von Mitte, Ephraim Gothe, bis zur Grünen-Abgeordneten Claudia Hämmerling einig: Die liberale Genehmigungspraxis hatte negative Folgen. Der inhaltliche Abstand zwischen Verhüllung und Bauobjekt wurde größer, der kommerzielle Aspekt entscheidend.

Man solle doch die Steuerzahler mal fragen, was sie von der Reform der Bauordnung halten, setzt Gerd Henrich, Chef der Firma Megaposter, dagegen. Der Mann verhüllt seinen Groll mit Humor, wenn er fragt, ob denn Baugerüste schöner seien als eine bunte Plane. Henrich ahnt, was nun in Berlin auf seine Firma zukommt: Bürokratie. Die gewohnte Berliner Regelungswut, die auf Streit und Debatten stets mit Vorschriften reagiert. Genehmigungsnotwendigkeit. Eine Behörde, die genau darauf achtet, dass kein Megaposter länger als genau sechs Monate am Baugerüst hängt.

Das ist nichts für Leute, die gern in großen Formaten denken und arbeiten (auch wenn der Inhalt flach ist). Wer sich die Karriere vor Augen führt, die die Großplakate in den vergangenen Jahren an imageträchtigen Standorten wie dem Pariser oder dem Potsdamer Platz hingelegt haben, der ahnt, dass man viel Geld damit verdienen konnte. Am Potsdamer Platz seien Millionen zu verdienen gewesen, sagt ein Politiker. Das wird weniger werden – aber nicht nur für die Firma Megaposter, auch für die Stadt: „Berlin wird noch ärmer und noch weniger sexy“, sagt Megaposter-Chef Henrich.

Tatsächlich hat Junge-Reyers Attacke auf die großen Planen einen populistischen Zug. Das Land selbst habe doch mit der Großflächenwerbung begonnen, sagt Volker Härtig von der Stiftung Denkmalschutz. Vier Millionen Euro hat die Stiftung mit Plakatwerbung am Charlottenburger Tor eingenommen – Geld für die Wiederherstellung dieses Denkmals. Auch das Ersatzschloss mit dem Namen Humboldt-Forum ist nicht gerade ausfinanziert. Die zwanzig Meter hohe Info- Box, die die Firma Megaposter auf dem Schlossplatz errichten soll, darf mit einer Werbefläche ausgestattet werden. Megaposter-Chef Henrich wird schon ahnen, dass die neue Berliner Werbelinie zu Reibereien führen kann. Und Volker Nickel vom Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft spricht aus, was Henrich mit seiner Kritik am Senat andeutet: „Nicht durchdacht“ sei die Reform der Bauordnung – eine Sache mit „populistischem Charakter“.

Zumal die Berliner Politik sonst nichts gegen Werbung im öffentlichen Raum zu haben scheint. In Räumen des Bezirksamts Mitte soll demnächst geworben werden. Stadtrat Stefan von Dassel (Grüne) will bildhafte Werbung in Postergröße etwa im Standes- oder im Gesundheitsamt erlauben. Ein paar tausend Euro soll das bringen: Fotografenwerbung auf dem Standesamt. „Die Werbung darf nicht mit der Leistung des Amtes in Verbindung gebracht werden“, sagt von Dassel. Alles ist genau geregelt, der Grüne erwartet keine großen Einnahmen – und doch ist es eine merkwürdige Entwicklung: Verwaltung, der Inbegriff staatlicher Neutralität und Sachlichkeit, bekommt kommerzielle Akzente.

Das Geld-Argument ist kaum zu widerlegen – siehe BVG. Werbung in und auf Bussen gab es immer. Doch inzwischen werden auch die Fenster der Doppeldecker mit Werbefolien beklebt. Mehr als ein Drittel der Fläche werde dafür nicht benutzt, versichert BVG-Sprecherin Petra Reetz. Und wie immer gebe es nicht nur Leute, die sich beschweren, weil man weniger gut aus dem Bus hinaussehen könne. Es gebe auch die anderen, die sich freuen, weil die Werbefolien im Sommer die Sonnenstrahlen draußen halten. Und schließlich: Wer aus dem Bus nicht hinausgucken kann, sieht auch keine Großwerbeflächen.

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