LESERDISKUSSION : Schaufenster in die Geschichte

Der Petriplatz-Entwurf fordert auf, fertige Pläne noch einmal aufzurollen.

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Die Schallschutzwand ist der Aufreger des Abends. Eine herrliche Provokation. Den Petriplatz als städtische Grünoase mittels einer meterhohen Wand vom Lärm der Gertraudenstraße, einer der meistbefahrenen Straßen Berlins, abzukoppeln, halten viele Besucher des Tagesspiegel-Forums in der Landesbibliothek für einen schlechten Scherz. Bloß keine neue Mauer mitten in Berlin!

Der Petriplatz in Mitte, das Zentrum der mittelalterlichen Stadt Cölln, soll ein neues Gesicht erhalten. Und dabei seine historischen, von den Archäologen freigelegten Schätze im Untergrund offenbaren. Die Planer aus dem „Studio für Landschaftskunst und Urbane Projekte“ verteidigten ihre „Vision“ für den Platz – ausführlich erläutert und illustriert im Tagesspiegel vom 23. April – vor rund 50 kompetenten und diskursfreudigen Zuhörern.

Im Kern ging es darum, die geforderten Bauten für ein archäologisches und interreligiöses Zentrum mit der Platzgeografie in Einklang zu bringen und so viel Grün wie möglich dabei zu erhalten. Es blieb nicht lange unbemerkt, dass die Entwürfe den gültigen Bebauungsplan für den Petriplatz außer Acht lassen, aber Mittes Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) erteilte den Planern Absolution: „B-Pläne sind veränderbar.“ Die öffentliche Wahrnehmung des Petriplatzes habe sich in den vergangenen zehn Jahren verändert, deshalb sei es richtig, noch einmal neu zu debattieren. Hanke wünscht sich den Platz als „Symbol des historischen Gedächtnisses der Stadt.“

In die Kritik geriet die spielerisch-schlängelnde Wegführung durch die kleine Grünfläche, aber vor allem die Idee einer Schallschutzwand zur Gertraudenstraße. „Die Mauer ist furchtbar.“ Damit werde ein inakzeptabler Zustand – die Trennung der Stadtstruktur durch eine viel befahrene Magistrale – zusätzlich verstärkt. Die Mauer kaschiere nur das eigentliche Problem: die Gertraudenstraße selbst. Diese sechsspurige Trasse sollte zurückgebaut und verengt werden, auf die geplanten Straßenbahngleise zwischen den Fahrbahnen könne man gut verzichten, bemerkte ein Verkehrsplaner im Ruhestand. Andere Diskutanten gaben ihm recht. Moderator und Tagesspiegel-Redakteur Ralf Schönball reichte die Kritik an Bürgermeister Hanke weiter. Der zeigte sich aufgeschlossen. „Die Finanzierung ist ein Problem“, aber „grobe Überlegungen“, Stadtraum zurückzugewinnen, gebe es schon.

Die stellvertretende Landesarchäologin Karin Wagner erläuterte die Pläne zur Erschließung der Bodendenkmale am Petriplatz. So soll es einen unterirdischen Pfad entlang der Grundmauern der zerstörten Petrikirche geben, erweitert durch ein Beinhaus für die am Ort gefundenen Skelette. Außerdem sei geplant, verschiedene archäologische Fenster anzulegen, auch in den bisher vorgesehenen Gebäuden am östlichen und westlichen Platzrand.

Das von den Planern als sich öffnende Knospe mittig auf den Platz gestellte interreligiöse Zentrum für Christen, Juden und Muslime fiel auf weitgehende Zustimmung. Nur der im Entwurf visualisierte Fachwerkbau als Besucherzentrum und Ausstellungsort für archäologische Funde, angelehnt an die mittelalterliche Architektur, erschien selbst der Landesarchäologin fehl am Platz. „Wir stellen uns eher einen modernen Entwurf vor“, allerdings gerne auf dem Grundriss der alten Lateinschule, die hier einst stand. Thomas Loy

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