Lesung : Neues aus der "Kampfzone" Neukölln

Ein Ex-Gangmitglied und ein Polizist haben zusammen ein Buch zur Jugendkriminalität geschrieben. Auf dem Rütli-Campus wurde es jetzt vorgestellt. Die Autoren sagen deutlich, was in ihren Augen falsch läuft. Und das ist nicht wenig.

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Der Bulle, sein Freund und Helfer. Fadi Saad (l.) und Karlheinz Gaertner haben zusammen ein Neukölln-Buch geschrieben. Foto: Heinrich
Der Bulle, sein Freund und Helfer. Fadi Saad (l.) und Karlheinz Gaertner haben zusammen ein Neukölln-Buch geschrieben. Foto:...

Liegt es vielleicht daran, dass nur Männer auf dem Podium sitzen? Es fallen deutliche Worte, und für manche sind die Zustandsberichte aus Neukölln nur schwer erträglich. Fadi Saad, der Sozialarbeiter mit straßenkrimineller Vita, und Karlheinz Gaertner, der Kriminalhauptkommissar, haben gemeinsam ein Buch geschrieben: „Kampfzone Straße – Jugendliche Gewalttäter jetzt stoppen“. Am Donnerstag stellten sie es in der Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli vor.

Rund 300 Zuhörer überfüllen den Saal und beweisen damit, dass dieses Buch einen Nerv getroffen hat. Dabei ist Jugendgewalt in Neukölln kein neues Thema. Hat sich denn trotz aller Mühen von Schule, Justiz und Polizei nichts verbessert?, fragt der Leitende Redakteur des Tagesspiegels, Gerd Nowakowski, der die Buchpremiere moderiert.

Polizist Gaertner, seit vielen Jahren in Neukölln unterwegs, konstatiert, dass die Brutalität der Attacken sogar noch zugenommen habe. Intensivtäter würden inzwischen zwar „relativ schnell weggesperrt“, aber das reiche nicht aus. Gaertner fordert von den Eltern mehr Erziehungseinsatz und Verantwortung für ihre Kinder. Die Schulen seien schon jetzt überfordert. „Die Lehrer tun mir echt leid. Ich möchte kein Lehrer sein.“

Fadi Saad tourte schon für sein erstes Buch „Der große Bruder von Neukölln“ durch viele Schulen in Berlin und im Rest der Republik. Er findet einen Zugang gerade zu schwierigen Schülern, an denen Lehrer und Sozialarbeiter verzweifeln. Wie er das macht? Indem er ihre Sprache spricht. „Haste sie nicht mehr alle?“ statt „Würdest du bitte mal ...“. Saad sagt: „Auf der Straße ist Höflichkeit ein Zeichen von Schwäche.“ Also brüllt er auch mal, um sich Respekt zu verschaffen, auch wenn er Brüllen eigentlich ablehnt. Denn an Respekt mangele es vor allem, darin sind sich die Buchautoren einig.

Aus dem Publikum und von Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), der eine kurze Rede hält, bekommen Saad und Gaertner viel Lob für ihr Buch. Es beschreibt nicht nur die Realität, sondern fordert auch Konsequenzen ein. Der Datenschutz müsse zugunsten einer effektiven Zusammenarbeit von Behörden und Schulen verändert werden, schreibt Gaertner. Er fordert ein generelles Waffenverbot, das auch Messer einschließt. Und sein wichtigster Appell: Brutale Gewalttäter dürfen nach der Tat nicht einfach freigelassen werden. Wenn ihnen ein Jahr später der Prozess gemacht wird, sei es für Reue und Einsicht zu spät. Saad selbst erlebte es so, als er für einen Straßenraub nur eine Verwarnung kassierte.

Damit Schulschwänzer nicht in die Kriminalität abdriften, braucht es auch Geld, wie im Fall der Rütli-Schule, die sich zur Vorzeigeschule entwickelt hat. Buschkowsky hat für alle knauserigen Haushaltspolitiker und Finanzsenatoren einen überzeugenden Vergleich parat. Mit zusätzlich 200 000 Euro im Jahr sei das Albert-Schweitzer-Gymnasium in Neukölln wieder auf Kurs gekommen. „So viel kosten fünf Knastplätze.“ loy

Siehe auch nebenstehenden Beitrag. Das Buch „Kampfzone Straße“ ist im Herder-Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro.

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