Berlin : Letzte Ruhe mit Seeblick

Loriot wurde auf dem Waldfriedhof Heerstraße beigesetzt. Sein Grab liegt in prominenter Nachbarschaft

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Die Stadt scheint sehr weit weg zu sein. Der Wind streicht sacht ins Tal hinab, rauscht durch die Birkenblätter und kräuselt den Teich am Grund der Senke. Hier, unter einer großen Eibe, auf einem der landschaftlich schönsten Friedhöfe Berlins, liegt Loriot begraben. In aller Stille ist er im engsten Kreis auf dem Waldfriedhof Heerstraße in Charlottenburg beigesetzt worden. So wollten es die Angehörigen. Ein Strauß mit rosa Rosen und gelben Gerbera schmückt den grob geharkten Sandboden, daneben ein cremeweißer Rosenkranz. Auf der Schleife steht: „Mit Liebe und tiefem Schmerz.“

All dies ist eingefasst von den Resten eines aufgegebenen, historischen Familiengrabes, das für den am 22. August im Alter von 87 Jahren verstorbenen großen Humoristen wieder hergerichtet wurde. Da gibt es ein Bänkchen, einen Blumenkübel, eine aufrecht stehende Grabplatte, deren Inschrift entfernt wurde. Noch ist kein neuer Name eingraviert. Grober, verwitterter Stein prägt das Ensemble, schlicht, aber mit Stil, wie es der preußisch-bescheiden auftretende Vicco von Bülow zeitlebens gemocht hat. Am Dienstagnachmittag irrten Journalisten und Pressefotografen anfangs auf dem Friedhof umher, um überhaupt die eher unauffällige, frische Grabstelle zu finden. Sie telefonierten hektisch mit der Friedhofsverwaltung, es wirkte wie ein posthumer Streich Loriots.

Schon der Waldfriedhof Heerstraße hat eigentlich einen irreführenden Namen. Die in den frühen Zwanzigerjahren geschaffene Gräberstätte liegt nicht direkt an der gleichnamigen Straße in Westend, sondern an der Trakehner Allee am Olympiastadion. Sie wurde aber für die Bewohner der nahen Villenkolonie Heerstraße angelegt – und sie offenbart ein besonderes Gespür für einen solchen Ort. Wer das Tor öffnet, spaziert hinab in ein Refugium. Geräusche dringen nur gedämpft durchs Blätterdach, die Grabreihen liegen rundherum am steilen Hang einer Senke, deren Bäume sich unten im See zwischen Entengrütze spiegeln. Nur der Name des Gewässers – „Sausuhlensee“ – passt nicht so recht zum Idyll.

Vicco von Bülow ruht hier in bester Lage und Gesellschaft mit Blick aufs Wasser, am untersten der terrassenförmigen, sich am Hang entlangschlängelnden Wege. Nur wenige Meter rechter Hand ist das Familiengrab des Bildhauers Georg Kolbe, von diesem selbst gestaltet. Und ein paar Schritte zur Linken liegt die Schauspielerin Tilla Durieux neben ihrem Mann, dem Verleger und Galeristen Paul Cassirer. Die Liste prominenter Persönlichkeiten auf diesem Friedhof ist lang und vielfältig. Als Loriots Nachbarn findet man den Maler und Grafiker George Grosz, den Komponisten Willi Kollo, den Dichter Joachim Ringelnatz, die vor wenigen Jahren verstorbenen Schauspieler Horst Buchholz und Klausjürgen Wussow, den CDU-Politiker und Filmproduzenten Jürgen Wohlrabe oder den einstigen FDP-Politiker Günter Rexrodt. Und auch Berufsboxer Bubi Scholz ruht in seiner Nähe. Ein roter Boxhandschuh ist auf dessen Stein graviert. Pompös und aufwändig wurde hier kaum jemand beerdigt. Es ist eine Galerie der Grabstätten, von künstlerischer Hand gestaltet, schlicht, aber gekonnt.

Am Dienstag hat noch kaum ein Verehrer Loriots den Weg hierher gefunden, um Abschied zu nehmen. Selbst der Blumenhändler am Eingang weiß nicht, wo die Beisetzung war. Eine ältere Dame wundert sich: „Was, Loriot ist hier begraben? Das ist ja schön.“ Sie freut sich, dass ihr Lieblingshumorist nach Berlin zurückgekehrt ist. Schließlich verbindet ihn viel mit der Stadt. Hier wuchs er nach der Geburt in Brandenburg /Havel auf, hier dirigierte er 1982 das „humoristische Festkonzert“ zum 100. Geburtstag der Philharmoniker. Anlässlich seines 85. Geburtstages wurde 2008 im Filmmuseum die bislang größte Ausstellung zu Loriots Werk eröffnet. Deutsche Oper und Aids-Stiftung widmen Loriot am 5. November die festliche Operngala, auf der er früher seine „Notwendigen Bemerkungen zu dramatischen Musikbeispielen“ machte. In Brandenburg/Havel wird zudem am 17. September in Vicco von Bülows Taufkirche, der St. Gotthardtkirche, gedacht.

Und was wird auf Loriots Grabstein stehen? Noch ist nichts darüber bekannt, doch auf eine entsprechende Frage antwortete der Künstler einmal: „Der Name wäre günstig.“

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