Berlin : Lieb und teuer

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VON TAG ZU TAG

Bernd Matthies über Illusionen und ihren plötzlichen Zerfall

Es gilt, Frank Steffel Abbitte zu leisten. Als er im Berliner Wahlkampf die Einschätzung wagte, München sei die schönste Stadt des Landes, da haben wir ihn laut mit Hohn und Spott überschüttet und leise hinzugefügt, er habe ja eigentlich Recht. Aber das gelte nur für Besserverdiener, die sich nicht ihr Wohnklo schönsaufen müssen, sondern von der Grünwalder Villa aus jederzeit schnell mal ins Piemont fahren können, um eine Kiste Barolo ... Na, und so weiter.

Und nun: Adieu, Illusion. Denn Berlin, das wir ja vor allem deswegen ins Herz geschlossen haben, weil es sowas Sozialgerechtes, Gegensätzeausgleichendes und Neidabbauendes hat, ist die teuerste Stadt in Deutschland, und nicht München. Sagen jedenfalls die Experten eines Schweizer Beratungsunternehmens: Berlin liegt bei ihnen weltweit auf Platz 58, München auf 62, Düsseldorf auf 63.

Doch bei genauerem Nachdenken ist das keine so schlechte Nachricht. Denn wo wollen wir immer hin mit Berlin? An die Seite von New York, London, Tokio, Städten also, in denen theoretisch wegen der hohen Preise menschliches Leben kaum noch denkmöglich scheint. Und doch brummen, florieren und gedeihen sie ohne Unterlass – und nun stehen wir inflationsmäßig endlich an ihrer Seite. Ein Signal!

München? Wer ist München? Die Stadt mit den teuersten Grünwalder Villen überhaupt, zugegeben. Aber sonst? Berlin ist die Stadt, die uns lieb und teuer ist. Nur haben sich die Gewichte halt ein bisschen sehr in Richtung teuer verschoben.

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