Berlin : Liebe, Leid und Lotusblüten

Die Berliner lieben indischen Bollywood-Dance. In der Stadt gibt es immer mehr Kurse, Partys, Shows

Annette Kögel

Der Tanzschritt sieht eleganter aus, als es sein Name vermuten lässt: „Chicken Step“. Die Frauen setzen ein Bein vors andere und wiegen sich hin und her. Die Arme halten sie vor der Brust, und die Finger entfalten sich einer nach dem anderen wie die Blütenblätter einer Lotusblume – so sieht „Bollywood Dance“ aus. Nach Maccarena und Salsa, Tango und Merengue erobert ein neues Lebensgefühl Berliner Tanzschulen, Studios und Clubs. Wie das genau geht, zeigt das Kreuzberger Tanzensemble „Padma Ki Rani“ heute Abend. Und in den nächsten Tagen entführen, etwa während der Asien-Pazifik-Woche, weitere Shows, Workshops und Festivals in die blumenreiche indische Filmromanzenwelt.

Bollywood in Berlin, das liegt zum Beispiel im zweiten Hinterhof in der Kreuzberger Böckhstraße 21. Die Tanzschule „La Caminada“ war eine der ersten in der Stadt, die Tanzkurse angeboten hat. Sara Ulasur ist von Anfang an dabei. Ihre Augen funkeln beinahe so wie ihr Schmuck. „Bollywood-Dance hat bei mir geflasht.“ Will heißen: Diese Art, sich zu bewegen wie die Stars in den bunten indischen Musikfilmen, hat sie von Anfang an begeistert. Viel Hüftschwung, viel Kopfschaukeln. Die 23-jährige Studentin der Arabistik und Kulturwissenschaften tanzt gern Choreografien nach – wie in den Filmen bleiben die Frauen dabei unter sich. Ein Lied geht gut fünf Minuten, da wird mal kokett gelächelt, mal ordentlich hin und her gewirbelt, sich um die eigene Achse gedreht. Da braucht man Kondition. „Raucher kommen da schnell aus der Puste“, sagt die irakischstämmige Alya Alwan, 25-jährige Studentin aus Mitte.

Die folkloristischen Tanzschritte aus Indien mit zeitgemäßem Kick werden immer beliebter, seit Musiker wie „Panjabi MC“ oder „Arash“ ihre Lieder mit südasiatischen Instrumenten und Gesangseinlagen chartgemäß würzen und der Sender RTLII Bollywoodstreifen zur besten Sendezeit ausstrahlt. Hunderte Filme werden in Indiens Filmmetropolen jedes Jahr gedreht: Arztromane auf der Leinwand. Da geht es um Liebe und Leid, um Schmerzen und Schmachten. Und noch mehr um die Kultstars und ihre „Moves“. Die wenigsten Zuschauer ahnen, dass etliche Szenen postproduktionstechnisch in Berlin bearbeitet sind, und zwar vom Filmkopierwerk Schwarzfilm in Wilmersdorf. Schwarzfilm-Chef Philipp Tschäppät betreut die Teams bei ihren Drehs in den bei Indern als exotische Kulisse sehr beliebten Schweizer Alpen.

Auch er weiß, dass die indische Gesellschaft konservativere Werte vertritt als die westliche Welt, deshalb sind auch die Bewegungen zu den Heimatklängen aus der Ferne zurückhaltend. Anstelle von Oberweitenwackeln wie beim Bauchtanz werden die Finger keck ans Kinn gelegt und der Kopf zur Seite – beim Flirten das Höchste der Gefühle. Zungenküsse sind auf der Leinwand verboten. Nullkommanichts statt Nullhundertneunzig. Als Zeichen von Liebe und Ehrerbietung gelten Wangen liebkosen, Füße berühren, Handflächen anlegen. „Ich finde das schön, dass das alles so subtil ist“, sagt Tänzerin Arnika Kiani, die mit einem Pakistaner verheiratet ist. „Mein Mann steht oft mit einer DVD und einer Tüte Popcorn in der Tür.“ Jetzt hält die 27-jährige Hotelfachfrau aus Neukölln selbst nichts mehr auf der Couch, wenn Filmstar Shah Rukh Khan und Partnerin Kajol tanzen. Madlen Werner studiert die Schritte seit sieben Jahren – und sonst Soziologie und Geschichte an der FU. Die Bernauerin fährt einmal die Woche eine Dreiviertelstunde zum Tanzunterricht nach Kreuzberg – auch sie fasziniert das Fremde.

Laila Hashmi-Yilmaz lebt mittlerweile sogar vom Bollywood-Dance. Die 23-Jährige leitet das Tanzensemble „Padma Ki Rani“, die „Lotusprinzessinen“. Der Vater der 23-jährigen Weddingerin kommt aus Pakistan, daher ihr Bezug zum indischen Hollywood-Pendant. Den Job als Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste hat sie abgelegt. Jetzt ist sie Tanzlehrerin. Ihre Berufskleidung sind jetzt bauchnabelfreies Choli-T-Shirt, Dupatta-Schleier und Lehenga-Rock.

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