Berlin : Lieber die Täter geehrt

Die Schwierigkeiten mancher Berliner Türken mit der Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern vor 90 Jahren

Juliane Schäuble/Matthias Meisner

Wie in Berlin an die türkischen Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915/16 erinnert wird, ist ein Reizthema. Die Türkische Gemeinde zu Berlin kritisiert die heute um 18 Uhr geplante Gedenkveranstaltung im Abgeordnetenhaus für die bis zu 1,5 Millionen Opfer und ist verärgert, weil Parlamentspräsident Walter Momper (SPD) die Gedenkrede hält. Gleichzeitig äußerte sich am Freitag der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, besorgt über den Umgang der Türkei mit dem Völkermord an den Armeniern. Huber wird bei einem ökumenischen Gedenkgottesdienst im Berliner Dom um 15.30 Uhr sprechen.

Giyasettin Sayan kann die türkische Kritik nicht verstehen: „Auch Armenier dürfen trauern. Die Türkei muss endlich offen über ihre Vergangenheit reden“, fordert der kurdischstämmige Migrationsbeauftragte der PDS im Abgeordnetenhaus. Stattdessen gebe es Gedenkveranstaltungen für Türken, die für den Genozid mitverantwortlich gewesen sind. Am 15. März legte die Türkische Gemeinde am Charlottenburger Steinplatz einen Kranz für Talat Pascha nieder, der dort 1921 von dem Armenier Soromon Tehlirjan erschossen worden war. Talat Pascha war als letzter osmanischer Innenminister eine zentrale Figur bei den Vertreibungen und Massakern, wofür er von einem türkischen Kriegsgericht 1919 in Abwesenheit – er war nach Berlin geflüchtet – zum Tode verurteilt worden war.

Die Türkische Gemeinde Berlin ruft für heute alle Türken zum Protest gegen die Veranstaltung im Abgeordnetenhaus auf und warnt vor Unruhen. Vor allem das Datum sei eine Provokation. „Am 23. April feiern wir die Parlamentsgründung durch Atatürk mit einem Internationalen Kinderfest im Volkspark Schöneberg“, sagte ein Sprecher der Gemeinde. Er kündigte einen Infostand vor dem Abgeordnetenhaus gegen die „einseitige Parteinahme“ an. Ilias Uyar vom Vorstand der Deutsch-Armenischen Gesellschaft, nannte es „sehr schmerzlich“, dass die Türkische Gemeinde die „Leugnungspolitik der Türkei kritiklos übernimmt“. So werde Aussöhnung unmöglich gemacht.

Vom Umgang der Türkei mit den Tätern von damals zeugen auch zwei „Ehrengräber“ auf dem türkischen Friedhof am Neuköllner Columbiadamm. Die als „Ehrenfriedhof“ bezeichnete Begräbnisstätte an der Sehitlik-Moschee ist türkisches Hoheitsgebiet. Etwas verwittert, aber noch gut lesbar erinnern die Inschriften auf zwei weißen Marmorplatten an Cemal Azmi und Behaettin Sakir – ein Skandal, findet PDS-Politiker Sayan, der eine kleine Anfrage im Abgeordnetenhaus stellte, um dem „Geschichtsrevisionismus“ der Türkei entgegenzutreten. „Azmi und Sakir wurden in Abwesenheit wegen ihrer Beteiligung beim Völkermord an den Armeniern zum Tode verurteilt“, sagt er. Azmis und Sakirs Bestrafung – sie waren vor dem Urteil nach Berlin geflohen – übernahmen andere: Am 17. April 1922 wurden Azmi und Sakir von zwei Armeniern in der Nähe der Uhlandstraße in Charlottenburg erschossen.

Gegen die Gedenkveranstaltung im Abgeordnetenhaus hat auch das nationalistische türkische Boulevardblatt „Hürriyet“ eine Kampagne gestartet. Die Zeitung veröffentlichte die Faxnummern der Berliner Abgeordnetenhausfraktionen und rief die Leser zu schriftlichem Protest auf. Auch der Türkische Bund Berlin-Brandenburg (TBB) geriet ins Visier der „Hürriyet“. TBB-Vorstandsmitglieder hatten sich mit dem Wissenschaftler Halil Berktay von der Sabanci-Universität Istanbul getroffen, der meint, die Türkei hinke bei der Aufarbeitung des Themas dem Stand der internationalen Forschung hinterher. Berktay hatte am Montag bei einer Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung gesprochen. „Hürriyet“ titelte in ihrem Europateil „Das Spiel des TBB“ und nannte die Runde mit Berktay ein „Geheimtreffen“. Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll- Stiftung, sagte: „Die Verschwörungstheorien der ,Hürriyet‘ (,Geheimtreffen‘) sind berühmt-berüchtigt. Der Versuch, jeden offenen Dialog über die armenische Tragödie durch Meinungsterror zu verhindern, ist allerdings inakzeptabel.“

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