• Liebeserklärung an die Stadt am Neckar: Hatice Akyün hat ihr Herz in Heidelberg verloren

Liebeserklärung an die Stadt am Neckar : Hatice Akyün hat ihr Herz in Heidelberg verloren

Hatice Akyün hat sich neu verliebt – nicht in einen Mann, sondern in eine wunderbare Stadt in der Kurpfalz. Wie keine andere Stadt profitiert Heidelberg davon, dass Heterogenität anziehend wirkt, findet unsere Kolumnistin.

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Eine Stadt wie aus dem Bilderbuch: Die Heidelberger Karl-Theodor-Brücke (Alte Brücke) mit dem Schloss und der Altstadt im Hintergrund in Heidelberg.
Eine Stadt wie aus dem Bilderbuch: Die Heidelberger Karl-Theodor-Brücke (Alte Brücke) mit dem Schloss und der Altstadt im...Foto: dpa

Komisch, bis letzte Woche dachte ich noch, es sei bei allen Beschwernissen trotzdem ein ungeheures Privileg, in einer Metropole wie Berlin zu leben. Aber dann habe ich mich verliebt. Nein, nicht in einen Mann, sondern in eine Stadt: Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren. Ich weiß nicht viel von diesem Teil meiner Heimat, außer, dass Goethe und Hölderlin, Mark Twain und Gottfried Keller viel Schönes über Heidelberg schrieben. Vor einigen Jahren las ich in der dortigen Stadtbücherei. Meine Lesung fand in einem fensterlosen Saal statt, so wie man sich Säle im untergegangenen Ostblock vorstellt.

Die Kurpfälzer haben beim Sprechen irgendwie einen Weichmacher am Gaumen

Und genau hier machte ich auch gleich den größten Fehler, den man machen kann: Ich nannte die Heidelberger Schwaben. Sie seien die Kurpfalz, erklärte man mir unmissverständlich, und man sei da sehr pingelig. Die Kurpfälzer haben beim Sprechen irgendwie einen Weichmacher im Gaumen. Die Wörter klingen rund und Sätze werden mit französischen Vokabeln ergänzt. Mein unverzeihlicher Fauxpas hatte zur Folge, dass ich nun mit einem Kurpfälzer befreundet bin.

Heidelberg, das Schloss, der Philosophenweg, die Alte Brücke, die Altstadt, die Universität und das Glück, dass die Stadt im Zweiten Weltkrieg nicht bombardiert wurde. Aber all das hat es mir nicht angetan. Nein, in der Stadt bewegt sich etwas. Man hat den Eindruck, dass überall für die Menschen investiert und gebaut wird – und zwar von der Stadt selbst.

Die Schule ist frisch saniert, die Turnhalle neu gebaut

In dem Stadtteil, wo ich wohnte, entsteht die größte Niedrigenergiehaussiedlung Europas. Preisgekrönt natürlich. Die Schule ist frisch saniert, eine neue Turnhalle steht gleich nebenan. Heidelberg hat mal eben einen dreistelligen Millionenbetrag in die Schulsanierung gesteckt.

Touristen aus Asien zu Besuch in Heidelberg.
Touristen aus Asien zu Besuch in Heidelberg.Foto: dpa

Sie haben die höchste Betreuungsquote im Vorschulalter aller westdeutschen Großstädte, Grundschulen mit Nachmittagsbetreuung, ein Amt für Schule und Bildung, das Kurse für schwache Schüler organisiert, und eine Abiturquote von 60 Prozent, bei der Migranten- und Arbeiterkinder Jahr um Jahr aufschließen.

Integration wird hier durch alle Strukturen hindurch gelebt

Die Ausländerbehörde heißt hier „Welcome Center“ und gleich nebenan steht ein Interkulturelles Zentrum. Hier redet man nicht von Integration, hier lebt man sie durch alle Strukturen hindurch. Fehlt eigentlich nur noch, dass eure Abschiebehaft „Good-Bye-Center“ heißt, kommentierte ich neidisch, als mein Freund mir die kleine Siedlung zeigte, in der Flüchtlinge in richtigen Wohnungen leben und nicht in Notquartieren. In dieser Stadt wird an allen Ecken gebaut, entwickelt, investiert. Jedes Mal, wenn ich wieder vor einem neuen Bau stand, fragte ich, wer der Investor sei. Und die Antwort: „Die Stadt.“

„Wie macht ihr das bloß?“, wollte ich wissen. Der Freund nahm einen Bierdeckel, schrieb Heidelberg drauf, stellte die Buchstaben ein paar Mal um und heraus kam: „Geld herbei“. Wuselig sind diese Heidelberger und umtriebig. Vielleicht ist das das Entscheidende. Sie nehmen von außen alles mit und bauen es in ihre Stadt ein, die dann davon profitiert, dass Heterogenität anziehend wirkt. Ach, wenn unser Berlin doch seine Piefigkeit ablegen könnte, dann wären wir bestimmt die beste Stadt der Welt. Aber wir Berliner genügen uns ja doch einfach selbst.

Während ich fieberhaft nach dem Haar in der Suppe suchte, fuhr ich mit dem Rad durch ein Schlagloch. „Hah“, sagte ich triumphierend, „von denen haben wir in Berlin viel mehr“. Oder wie mein Vater sagen würde: „Kedi yetisemedigi cigere mundar der.“ Die Katze, die nicht an die Leber herankommt sagt, sie sei schlecht.

Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. Sie schreibt immer montags über ihre Heimat.

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