Berlin : Linientreu

Ob Handbiker, Rollifahrer oder Läufer – wer beim Marathon mitmachte, wurde von Jubel begleitet

Stefan Jacobs

Marathon ist, wenn an einem frühen Sonntagmorgen auf den Berliner S-Bahnhöfen Menschen in Sportkleidung von einem Fuß auf den anderen federn und in den Straßen statt Autos nur ein paar Herbstblätter unterwegs sind.

An diesem Sonntag ist also Marathon, und während die Kleinen schon ihre Heldentaten vollbracht haben, federn sich die Großen noch warm für die 42,195 Kilometer, vorbei an fast allen maßgeblichen Attraktionen der Stadt, markiert durch die blaue Linie. Die Ideallinie: Sie verläuft so, wie jemand auf gesperrten Straßen um den Weltrekord rennt und nicht so, wie ein rechtschaffener Autofahrer sich durch die Stadt bewegt. Deshalb wurde die Linie nachts und mit freundlicher Unterstützung der Polizei gesprüht.

Während die Läufer ihren Rhythmus finden, surren hinter ihnen die ersten Handbiker durchs Brandenburger Tor. Dann kommen die Rollstuhlfahrer, die sich an den Hinterrädern selbst voranschieben. Kurz nach dem ersten Rollstuhlfahrer braust Freek Strijker mit seinem Handbike über die Ziellinie am Kleinen Stern. Seit 1991 reist er jedes Jahr aus Holland zum Berlin-Marathon. „Der Gegenwind war hart“, sagt der Mittvierziger. Deshalb habe er 14 Minuten länger gebraucht als im vergangenen Jahr, nämlich 1:33. Schnell genug, um jeden Freizeitradler abzuhängen. „Schade, dass wir so früh am Morgen starten“, sagt er, „da sind noch nicht so viele Leute an der Strecke.“

Allmählich füllen sich die Gehwege auf der Leipziger Straße. Kurz vor zehn kommen Polizei und Fernsehautos, dann der „Follow-me“-Smart mit Uhr auf dem Dach. Eine Woge aus Jubel trägt den ersten Läufer vorbei. Der zweite, drei Minuten später, lächelt sogar den Trommlern und den kräftigen Aufpasserinnen aus dem Telekommunikationsmuseum zu, die vor die Tür getreten sind und mit „Kiek-mal-einer-an!“-Blick den vorbeifliegenden Athleten hinterher staunen. An einer Querstraße bleibt ein schwarzer S-Klasse-Mercedes in der Menschenmenge stecken. Der Chauffeur lässt seinen Passagier aussteigen und schaut sich nach einem Ausweg um – vergeblich. „Sport in Berlin ist toll“, seufzt der Mann, ein Franzose. „Aber man darf nicht die Stadt als Geisel nehmen.“ Sein soeben zum Fußgänger gewordener Kunde sei ein „président industriel important“ – mit Privatjet, aber ohne Marathon-Faible.

An der nächsten Ecke späht eine blonde Mutter mit ihren noch blonderen Kindern Richtung Potsdamer Platz. Sie halten Schilder mit Herzen und der Aufschrift „Bine“. Bine sei eine Freundin aus Hannover – und zwar eine sehr schnelle, weshalb man jetzt bitte nicht stören möge. Die junge Frau auf der anderen Straßenseite ist entspannter. „Toooor!“ steht auf den Stabluftballons, mit denen sie Applaus klopft. Thematisch liegt sie damit zwar daneben, aber die Dinger waren halt übrig von der Fußball-WM, und ihr Vater freut sich allemal, wenn er sie hoffentlich in einer guten Stunde hier bei Kilometer 39 jubeln sieht. Sie ist mit ihm aus Leipzig angereist – er zum Laufen, sie zum Anfeuern. Ihr Held des Tages – einer von rund 40 000 an diesem Sonnensonntag.

Alle Läufer, alle Ergebnisse im Netz: www.berlin-marathon.com

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