Berlin : Linke Flanken und rechtes Foulspiel

Selbst im anti-nationalen Kreuzberg flattert Schwarz-Rot-Gold, wenn Multikultis Fußball schauen

River Tucker

Zu Hausbesetzerzeiten hätte er sich die schwarz-rot-goldene WM-Begeisterung niemals in Kreuzberg vorstellen können. Ein Kunde im linken Buchladen auf der Oranienstraße findet die vielen Deutschlandfahnen alarmierend. „Ich denke, dass der Nationalismus wieder einen Schub bekommt.“ Der Kreuzberger lebt seit 1984 im Kiez und nennt seinen Namen aus alter linker Tradition lieber nicht. Aber auch wenn sich im SO36 viel geändert hat, findet der ehemalige Hausbesetzer, dass sich der Kiez immer noch vom Rest der Republik unterscheidet.

Im Biergarten vor dem Kreuzberg-Museum läuft der Fernseher. Portugal spielt. Eine portugiesische Flagge steht auf dem Tisch. Der Kommentar ist auf Spanisch. Das Museum wollte die Spiele auch auf Russisch, Polnisch, Arabisch und Türkisch zeigen. Doch die Übertragungsrechte verhinderten das multikulturelle Vorhaben, nun ist man auf das mehrsprachige Angebot von Premiere angewiesen.

Alessandro Salerno steht im ersten Stock und überwacht die Ausstellung „300 Jahre Zuwanderung nach Kreuzberg und Friedrichshain“. Ganz in italienischer Fanausrüstung erklärt der gebürtige Römer, dass er sich über die positive Stimmung in der Stadt freut. „Ich finde schön, dass die Euphorie echt ist. Ich hatte befürchtet, dass Wirtschaft und Politik die WM-Stimmung erzwingen.“ Der Museumsmitarbeiter, der seit den 80er Jahren in Kreuzberg lebt, findet, dass das harmonische Miteinander mit Ausländern nur hier richtig funktioniert. „Wenn die WM vorbei ist, haben sie überall in Deutschland wieder Angst, dass die Ausländer ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen.“

In Kreuzberg sieht man ebenso viele deutsche Flaggen wie anderswo; Fahnen flattern an unzähligen Autos und Balkonen. In vielen Fällen sind es Türken, die sich für Deutschland stark machen. Aber Kreuzberg wäre nicht Kreuzberg, würde nicht auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Großereignis stattfinden. In der Galerie der NBGK, der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst in der Oranienstraße, läuft gerade die Ausstellung „Heimspiel“. Die Arbeiten thematisieren die Kommerzialisierung und Überwachungsstaat-Tendenzen der WM.

Im Buchladen Kisch & Co in der Oranienstraße arbeitet Jürgen Borchers. Der Buchhändler ist sich sicher, dass die nationale Euphorie nach der WM wieder vergehen wird. Die meisten deutschen Flaggen, so meint er zu beobachten, würden ohnehin von den Türken gehisst.

Alles Schwarz-Rot-Goldene den türkischen Einwanderern zuzuschreiben, hält Christine Roloff für Wunschdenken. Sie findet, die Flagge ist in Kreuzberg angekommen, auch wenn sie der Fahnenkult nervt. „Ich frage mich gleichzeitig, ob ich verkrampft bin.“ Als Mitarbeiterin für eine Internationale Hilfsorganisation weiß sie, dass überall auf der Welt Nationalstolz selbstverständlich ist.

Monique Berger arbeitet im SO 36, der legendären Konzerthalle, in der die Punkband Dead Kennedys 1983 ihren ersten Auftritt hatte. Der Club in der Oranienstraße wird heute immer noch als Kollektiv geführt. Die Entscheidungen über Konzerte und Partys fallen im Plenum, ein letztes Relikt der 80er Jahre. Kein Wunder, dass Monique Berger zu Anfang betont, sie spreche nicht für das gesamte SO36-Kollektiv. Sie selbst habe ein entspanntes Verhältnis zur gegenwärtigen Patriotismusdiskussion. Die Belegschaft sei aber gegen Flaggen. „Die sind nur heimlich für Deutschland“, sagt sie.

Dabei findet die Partyveranstalterin, die halb Österreicherin und halb Französin ist, dass der neue Trend zum Fahnezeigen durchaus zur Kreuzberger Parole „Kein Fußbreit den Faschisten“ passt. „Wir dürfen denen nicht die Flagge überlassen.“ Das wäre vielleicht sogar im Plenum Konsens.

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