• "Liquidrom": Auf den Bahamas und in Thüringen hat Tempodrom-Muse Irene Moessinger die Wassermusik entdeckt

Berlin : "Liquidrom": Auf den Bahamas und in Thüringen hat Tempodrom-Muse Irene Moessinger die Wassermusik entdeckt

Johannes Metzler

Kreuzberg liegt nicht in der Toskana. Zwar wächst auf dem Hang am Viktoriapark etwas Wein - aber es ist doch ein recht saurer Riesling, und auch die Reben des blauen Spätburgunders liefern nichts, was in den Trattorias zwischen Ligurischem Meer und nördlichen Apenninen als akzeptabler Tropfen auf der Speisekarte stehen könnte. Zumindest etwas südländisches Flair kommt dennoch im Sommer auf, wenn junge Leute in den Kreuzberger Straßencafés auf Plätzen und Bürgersteigen ihren Caffè Latte schlürfen.

An eisigen Wintertagen hingegen erinnert in den Straßenschluchten des Bezirks nichts mehr an südliche Breitengrade. Dann sehnen sich verfrorene Großstädter heiße Bäder, weiche Klänge und himmlisches Licht herbei, um dem frostigen Norden zumindest für einige Stunden zu entfliehen. Ausgerechnet in der zertrampelten Einöde am Anhalter Bahnhof, dort, wo erst vor kurzem der Grundstein für das neue Tempodrom gelegt wurde, soll dies in naher Zukunft möglich sein. Ausnahmsweise war es einmal kein Investor mit dicker Brieftasche und maßgeschneidertem Anzug, der hier ein gewinnträchtiges Badeparadies aufziehen wollte, sondern Irene Moessinger, die ehemalige Krankenschwester, die mit ihren Zirkuszelten berühmt geworden ist. Die "Tempodrom"-Chefin verwirklicht einen Traum: Das "Liquidrom" - eine mit Wasser gefüllte Konzerthalle - soll neben zwei Arenen unter ihrem neuen Zelt aus Stahl und Beton Platz finden. Die ersten Badegäste will sie zur Eröffnung Ende des kommenden Jahres durch die mit grünlich-grauem Naturstein gepflasterten Wandelgänge in die Badehöhle führen. Im körperwarmen Element, angereichert mit entzündungshemmendem Salz aus dem Toten Meer, sollen sie dort völlig neue Licht- und vor allem Klangerfahrungen machen. So wie Moessinger selbst, die vor einigen Jahren auf die Bahamas flog, um mit Delfinen zu schwimmen. Auf Teneriffa tauchte sie in die Welt der Wale hinab, um deren Klängen zu lauschen. Für die aquatische Beschallung will sie Musikgruppen einladen, mit deren Hilfe die Besucher "in andere Zustände geraten" - etwa moderne Schamanen, die das Element Wasser mit fellbespannten Trommeln und Klangrohren in fremdartig anmutende Schwingungen versetzen. Die Ohren der Konzertbesucher in Badehose und Bikini bleiben dabei unter Wasser. Wer genauer wissen will, was sich hinter dem "Liquidrom" verbirgt, der muss sein Vorbild besuchen - in der Toskana, 200 Kilometer Luftlinie vom Kreuzberg entfernt.

Einige Zypressen stehen in der sanft hügeligen Landschaft. Am Wegesrand wachsen Sauerampfer und Glockenblumen, Schafe kauen auf der Wiese vor sich hin. Aber weit und breit kein Ölbaum, nirgendwo ein Schild mit dem schwarzen Hahn des Chianti Classico, und auf der Landstraße keine Wegweiser nach Florenz oder Siena. Das Castello auf dem Berg trägt den deutschen Namen "Sonnenburg". Hier soll die Toskana sein? "Die Toskana des Ostens", ergänzt Micky Remann. "Seit 1000 Jahren wird hier Wein angebaut." Und der Künstler lobt den "wunderbar trockenen Müller-Thurgau", der vor den Toren des thüringischen Badeortes Bad Sulza gedeiht. Das "fast mediterrane Mikroklima" dieser Gegend sei einfach ideal. Und überhaupt seien Kultur und Genuss hier von jeher zu Hause gewesen, ganz wie in der "richtigen" Toskana - einmal abgesehen von der legendären Schlacht zwischen französischen und preußisch-sächsischen Truppen, die in dieser Gegend am 14. Oktober 1806 stattfand. 17000 Menschen blieben tot auf den Feldern rund um das Dorf Auerstedt zurück. Noch heute zeugt das ehemalige Hauptquartier der preußischen Truppen - eine wuchtige Festung aus Holz und Stein - von dieser Zeit.

Darin wohnt jetzt das Pärchen, das die DDR-Kurklinik mit angeschlossenem "Volkssolbad" nach der Wende vom Land Thüringen kaufte. Marion Schneider und ihr Mann ließen ihren künstlerischen Leiter Micky Remann mehrere Jahre lang im Kurbecken für chronische Krankheiten experimentieren - dann war es soweit. Neben einer herkömmlichen Therme ließen sie einen Wassermusik-Tempel errichten. "Visionär" fand das die Berlinerin Irene Moessinger, die zum Stammgast wurde. Auch die notwendige spirituelle Ader fehlt den Thermenbesitzern nicht: Mit leuchtenden Augen erzählt Marion Schneider von ihrer Tanzerfahrung mit Indianern im brasilianischen Regenwald.

In der Gaststätte "Zur Brauerei" an der Rückseite der preußischen Trutzburg hat sie gerade mit Irene Moessinger zu Mittag gegessen. Die Tempodrom-Chefin wirkt nach den stressigen Tagen der Grundsteinlegung gelöst. Zufrieden mit sich und der Welt, hat sie unter einem riesigen Sonnenschirm vor der Hitze Zuflucht gesucht. Auf dem Tisch vor ihr steht ein halbleeres Glas Rotwein - der passt zum Rehrücken mit Thüringer Klößen, Rotkohl und Preiselbeeren. "Wenn ich auf dem Land bin, muss ich immer Wild essen", sagt sie.

Die "Toskana des Ostens" und der "Liquid-Sound-Tempel" in der Bad Sulzaer Therme sind zum Anziehungspunkt für Unterwasser-Lauscher geworden. "Hier werden allerlei künstlerische Pflänzchen gegossen", sagt Intendant Remann. Um seine flüssigen Klangwelten zu vermarkten, eilt er von Termin zu Termin. Vor Jahren brach der aus Frankfurt stammende 52-jährige Germanist zu einer Weltreise auf und kehrte nach vier Jahren mit dem "Ozeandertaler" im Gepäck zurück - der Idee zum ersten Unterwasser-Musical der Welt, in dem ein geheimnisvoller Geist einer tropfenden Waschmaschine entsteigt und eine Fischverkäuferin sich in einen Tintenfisch verwandelt.

Mittlerweile ist es Sonntag - Irene Moessinger hat nach einem "Liquid-Sound"-Konzertabend ausgiebig ausgeschlafen, im Kreise der Musiker gefrühstückt und muss zurück nach Berlin, um auf ihr werdendes Beton-Zelt in Kreuzberg aufzupassen. In naher Zukunft werden hier Musicals wie der "Ozeandertaler" Premiere haben. Und während die längst abgeernteten Weinreben dann auf dem Kreuzberg auf den Frühling warten, liegen die wahren Genießer im Tempodrom im Salzwasser und lauschen den Schamanen.

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