Berlin : Loblieder von den Opern-Chefs

Die Opernstiftung existiert seit 100 Tagen: Einen Vorsitzenden gibt es noch nicht, doch die Leiter der drei Musiktheater sind zufrieden

Frederik Hanssen

Kultursenator Thomas Flierl erlebt derzeit das, was Klassikkenner „Kakophonie“ nennen: Missklänge, wohin man auch hört. Zuerst gelang es ihm nicht, die bereits im Senat verabschiedete Zuschussstreichung der Berliner Symphoniker zu verhindern, dann kippten die eigenen PDS-Genossen sein Studienkontenmodell, drei Tage später dann erfolgte der Rücktritt von Peter Strieder – und wieder wurden Rücktrittsforderungen gegenüber Flierl laut. Kräftigen Gegenwind bekam er vor allem von der Opposition in Sachen Opernstiftung. Der Anlass: Die hauptstädtische Musiktheater-Holding existiert seit 100 Tagen. Und weil nach 100 Tagen die Schonfrist für neu gewählte Politiker ausläuft, fährt Alice Ströver, die kulturpolitische Sprecherin der Grünen und Vorsitzende des Kulturausschusses im Abgeordnetenhaus, jetzt schwere Geschütze auf: „Diese Rumpf-Stiftung existiert im rechts- und kontrollfreien Raum“, wettert Ströver. „Wieder einmal zeigt sich, dass Senator Flierl mit seiner Aufgabe überfordert ist.“

In der Tat fehlt bislang eine Persönlichkeit für den Posten des Stiftungsvorsitzenden, und auch das Kontrollgremium, der Stiftungsrat, in dem neben den Senatoren für Kultur und Finanzen Vertreter des Parlaments und der Betriebsräte sitzen sollen, hat sich noch nicht formiert. Dennoch trifft man nur auf zufriedene Gesichter, wenn man sich in den Chefetagen der betroffenen Opernhäusern nach dem werten Befinden erkundigt. „Konstruktiv“ und „ergebnisorientiert“ sei der Dialog der drei Leitungsteams, heißt es übereinstimmend. Nachdem sich die Chefs der Komischen Oper, der Deutschen Oper und der Staatsoper Unter den Linden damit abgefunden haben, dass die Existenz der einmaligen hauptstädtischen Musiktheatertrias nur durch die Stiftungslösung gesichert werden konnte, machen sie nun das Beste aus der Situation.

Die neu hinzugekommenen Jobs haben sie erst einmal untereinander aufgeteilt: Georg Vierthaler, der Geschäftsführende Direktor der Staatsoper, hat auch die Führung der Stiftung übernommen. Außerdem kümmert er sich zusammen mit dem Choreografen Vladimir Malakhov um die neue Ballett-GmbH. Peter Sauerbaum, der zurzeit die Deutsche Oper gemeinsam mit Hans-Dieter Sense leitet, beschäftigt sich parallel auch mit dem Aufbau der Bühnenservice-GmbH, in der alle Kostüm- und Dekorationswerkstätten fusioniert werden sollen.

Während Grünen-Politikerin Ströver sich beunruhigt zeigt, dass 90 Prozent der rund 2000 Mitarbeiter dagegen geklagt haben, dass sie ungefragt von Staatsbediensteten zu Mitarbeitern der Opernstiftung gemacht wurden, sieht Thomas Flierl die Sache ganz locker. Er denkt gar nicht daran, vor den Gewerkschaften zu Kreuze zu kriechen. Im Gegenteil: Egal, wie die Musterprozesse ausgingen, entscheidend sei, dass sie Arbeitgebern wie Arbeitnehmern Rechtssicherheit brächten, findet der Senator.

Trotz aller Kollegialität und Kooperationsbereitschaft hinter den Kulissen stehen der Opernstiftung aber zweifellos harte Zeiten bevor: Weil der Zuschuss der drei Häuser laut Senatsbeschluss bis 2009 von derzeit 113,6 Millionen Euro auf 96,8 Millionen Euro sinken wird, müssen insgesamt weitere 220 Personalstellen abgebaut werden. Da wäre es nicht schlecht, bald eine starke Persönlichkeit an der Stiftungsspitze zu haben, die sich nicht nur nebenbei, sondern mit voller Kraft den übergeordneten Problemen der Berliner Musiktheaterlandschaft widmen kann. Bis die Stiftung 200 Tage auf dem Buckel hat, verspricht Thomas Flierl, soll er oder sie gefunden sein.

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