Lokale Landwirtschaft für Berlin : Ökonauten gegen Landgrabbing in Brandenburg

Die „Ökonauten“ machen sich auf zu alternativer Landwirtschaft. Dabei wollen sie die Versorgung interessierter Berliner mit regionalen Lebensmitteln und alternative Landwirtschaft im weiten Brandenburg zusammenbringen. Ihr erstes Projekt: eine Walnussplantage.

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Abgesteckte Felder. Die Landwirtschaft in der Region wird dominiert von Großbetrieben, die unter anderem Mais für die Kraftstoffproduktion anbauen. Kleine, ökologische Projekte haben es da schwer.
Abgesteckte Felder. Die Landwirtschaft in der Region wird dominiert von Großbetrieben, die unter anderem Mais für die...Foto: Patrick Pleul/dpa

Am Anfang war Frust, mindestens Enttäuschung. Frank Viohl, ein alternativer Unternehmensberater, saß in einer Diskussionsrunde, in der es um Landverkäufe in Brandenburg in großem Stil ging, und erkannte: Die Politik lässt es zu, dass Land für die Landwirtschaft zum Spekulationsobjekt wird. In derselben Runde saß auch Willi Lehnert vom Kampagnenbüro „Bündnis Junge Landwirtschaft“. Lehnert hatte wohl längst den gleichen Eindruck politischen Desinteresses am sogenannten Landgrabbing, schließlich kannte er die Kaufinteressen von großen Agrarunternehmen schon aus seiner Zeit als Mitarbeiter der Grünen-Fraktion im Brandenburger Landtag. Viohl und Lehnert lernten sich kennen. Aus dem Gedanken, gegen den Trend zum Ausverkauf des Bauernlandes etwas machen zu müssen, wurde die Gründung der „Ökonauten“.

Viohl, ein freundlich-bewegter Mann mit grauer Wuschelmähne, und Lehnert mit Bart und Pferdeschwanz-Langhaar wirken auf den ersten Blick wie stilsichere Großstadtmenschen. Sobald sie reden, kommt die Rede aufs Land und auf die gestörte Beziehung zwischen Land und Stadt. Beide kennen sich damit aus – Viohl hat eine Reihe von Gründern beraten, die sich auf dem Land selbstständig machen wollten, Lehnert hat an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde Landwirtschaft studiert. Von dort kannte er Vivian Böllersen, Absolventin der Hochschule und inzwischen die erste Ökonautin, die mithilfe der Genossen ein eigenes Projekt in die märkische Erde bringen will.

Direktvermarktung von Brandenburg nach Moabit

Die Ökonauten bringen zwei Grundgedanken zusammen: den der Versorgung interessierter Städter mit gesunden Lebensmitteln aus der Umgebung und den einer alternativen Landwirtschaft im weiten Brandenburg – alternativ im Gegensatz zum, beispielsweise, großflächigen und jahrelangen Anbau mit Mais für die Kraftstoffproduktion. Frank Viohl schwärmt, um den Sinn der Sache deutlich zu machen, gern von Bekannten in Moabit, die einmal in der Woche mit Gemüse und Kartoffeln von einem Ökohof beliefert werden. Ein paar Stunden lang stelle eine Bekannte eine Fläche in ihrem Unternehmen zur Verfügung, wo der Bauer seine Waren lagert.

Frank Viohl, Vivian Böllersen und Willi Lehnert (von links) engagieren sich gegen den Ausverkauf von märkischem Bauernland.
Frank Viohl, Vivian Böllersen und Willi Lehnert (von links) engagieren sich gegen den Ausverkauf von märkischem Bauernland.Foto: Werner van Bebber

Die Kunden kommen, wiegen ab, was ihnen zusteht – der Bauer kann sich auf die Bezahlung verlassen, braucht nicht tagelang auf einem Markt zu stehen oder einzelne Kunden mit dem Kleinlaster zu beliefern. „Kurze Wertschöpfungsketten“ – darum gehe es, sagt Viohl und sieht darin auch einen Beitrag zu einer Wirtschaft, die ohne diktatorische Handelsketten und gegen einen globalisierten Lebensmittelmarkt auskommt. Die feste Bezahlung habe dazu geführt, dass der Ökobauer seiner Frau nun ein Gehalt bezahlen könne und diese nicht mehr zum Jobcenter gehen müsse, sagt Viohl: „Wir finanzieren als Gemeinschaft einen Arbeitsplatz.“

Kaum Chancen gegen Großinvestoren beim Landkauf

Den zweiten Gedanken – Chancen für junge Landwirte mit Verbindung zum Dorf und mit Freude am Leben auf dem Land – bringt Willi Lehnert in dem Satz zum Ausdruck: „Wir wollen auf die Dörfer, aber wir kommen nicht an Land.“ In Brandenburg würden die Häuser in den Dörfern immer billiger, während die Bodenpreise für Ackerflächen ansteigen. Nach Erkenntnissen der Brandenburger Grünen sind drei Viertel der landwirtschaftlichen Flächen im Besitz von Großbetrieben. Wenn Land verkauft wird, können Großinvestoren interessierte Landwirte aus den Dörfern oder Existenzgründer leicht überbieten.

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06.06.2014 14:08Begeistert dabei. Die Bosnierin Hazemina Donlic hackt und wässert seit diesem Frühjahr ihr erstes eigenes Beet im Interkulturellen...

Erstes Projekt: Wallnussplantage

Diese Erfahrung machte Vivian Böllersen. Auf der Suche nach ein paar Hektar Land stellte sie fest, dass sie bei den Landverkäufen der bundeseigenen Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG) nicht mit Großflächen-Investoren mithalten konnte – sofern die BVVG Flächen überhaupt ausschrieb und nicht direkt an große Pächter verkaufte. Böllersen hatte sich im Studium mit Walnüssen beschäftigt, weil ihr aufgefallen war, dass zwar überall Walnussbäume wachsen, die Nüsse aber in Massen importiert werden. Anbau in Deutschland sei nicht mehr üblich, stellte sie fest – und plante alsbald den Aufbau einer Walnussplantage.

Das ist das erste Projekt der Ökonauten: Der Kauf einer Fläche von 4,5 Hektar bei Velten, gut 30 Kilometer nordwestlich von Berlin. Böllersen, in Berlin aufgewachsen und in einem Bioladen beschäftigt, kann sich vorstellen, irgendwann mal mit Familie und Kindern aufs Land zu ziehen. Doch erst mal will sie dort ihr Projekt Wirklichkeit werden lassen. Ein paar hundert Walnussbäume bekommt man nicht in der nächsten Baumschule, deshalb müsse sie sehen, wo sie einkaufen könne, sagt sie. Zur Pflanzung sollen dann die Genossen mobilisiert werden, die als Gegenleistung Teilhaber der Plantage werden. Über den Verkauf macht sich Vivian Böllersen keine Sorgen – sie weiß aus dem Bioladen, wie groß das Interesse der Leute an Produkten aus der Region ist. Und sie weiß aus ihrem Studium, was man mit den Nüssen alles machen kann.

Langfristiges Ziel: Menschen zusammen bringen

Für Viohl ist das Plantagenprojekt ein gutes, weil es „langfristig“ angelegt ist, wie er sagt. Außerdem bringe man auf diese Weise Menschen zusammen, weil sie an einem Ort zusammen etwas zu tun haben. Die Ökonauten wollen, wenn aus der Genossenschaft in Gründung eine Genossenschaft geworden ist, so weitermachen: einerseits Menschen bei ihren Vorhaben auf dem Land helfen, andererseits denen Land abkaufen, die selbst dafür keine Verwendung haben, aber Sinn für etwas zugleich Neues und Altes – eine Beziehung zwischen Stadt und Land, die nicht bloß von Gewinninteressen geprägt ist.

Mehr Infos auf der Webseite der Ökonauten.

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