Berlin : Lothar Winkler, geb. 1927

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Die umfangreichste Hinterlassenschaft von Lothar Winkler war "Das Mädchen von nebenan". Der Fotograf hat die Rubrik in den 60er Jahren für die Neue Revue erfunden: eine Oben-Ohne-Fotogeschichte mit Amateur-Models. Winkler fand sie auf Spaziergängen an den Stränden des Wannsees. Mittlerweile ist der Stapel der Ausrisse so dick wie das Berliner Telefonbuch. Sein Freund, der ehemalige Chefredakteur von Quick und Transatlantik, Heinz van Nouhuys, rechnet vor: "Ein Mädchen pro Woche, macht 52 im Jahr. Dafür musste er 100 auftreiben, denn die Hälfte war dann doch nicht so fotogen. Und das 20 Jahre lang ..."

Van Nouhuys will damit sagen, dass Aktfotografie Routine sein kann und gar kein Spaß. Vielleicht meint er sogar, dass nackte Frauen, wenn man sie auf Dauer und zum Lebensunterhalt fotografiert, nicht aufregender sind als, sagen wir, Politiker. Lothar Winkler selbst hätte das nie so formuliert. Schon aus Höflichkeit gegenüber den Frauen. Er siezte seine Aktmodelle und half ihnen nach der Arbeit in den Mantel. Und wenn er seine Freundinnen in die Berliner Szenekneipen ausführte, kaufte er dem Rosenverkäufer gleich den ganzen Strauß ab.

Winkler verbrachte seine Jugend im Berlin der fünfziger Jahre. Da gehörte sich so etwas einfach. In Monaco ließ, wer auf sich hielt, sogar ganze Flugzeug-Ladungen Blüten über schönen Frauen herabregnen. Zum Beispiel warf Aristoteles Onassis seine Rosenblätter-Fracht über dem Boot ab, mit dem Grace Kelly in die Bucht von Monte Carlo einfuhr. Winkler saß damals neben ihm im Hubschrauber-Cockpit. In der Nacht zuvor hatte er den griechischen Reeder kennengelernt. Durch einen Schnappschuss. Motiv: Betrunkener vor dem Casino. Beim Vergrößern stellte sich heraus, dass er Onassis erwischt hatte. Anstatt das Bild an die Boulevard-Presse zu verkaufen, brachte er es Onassis an seiner Yacht vorbei. Die Einladung zum Flug war das Dankeschön für die Diskretion.

Winklers Leben ist voll mit solchen Anekdoten, sie handeln von Zufällen, Verwechslungen, Späßen, und immer haben sie ein Happy-End wie von Billy Wilder inszeniert. Angefangen hat Lothar Winkler mit Passbildern. Das war kurz nach dem Krieg, und die Brandenburger brauchten neue Pässe. Später, als Polizeireporter für die BZ freundete er sich mit Gerhard Hirschfeld an, dem Unterweltkönig von Kreuzberg. Das brachte ihm viele Exklusiv-Bilder. Wenn Hirschfelds Leute irgendwo einbrachen, sagten sie Winkler vorher Bescheid. Beim Ungarn-Aufstand arbeitete er nach der Methode James Bond. Winkler erzählte es so: "Ich traf eine hübsche, blonde Revolutionärin. Sie wurde meine Laborantin, Dolmetscherin und Geliebte."

Der einzige Krieger, den er danach noch fotografierte, war wohl Winnetou. Winkler hatte sich auf die deutschen Stars verlegt: Freddy Quinn, wie er unter einer Seemannsmütze hervorlächelt, oder Ingrid Steeger in der Badewanne. "Liebes Mädel. Ausgezogen ist sie wirklich besser als angezogen", sagte Winkler über sie. Alle sehen sie gut aus auf seinen Bildern. Das entsprach seinem Weltbild: Wohlwollend war er, nie kritisch. Und wenn die Realität da nicht reinpasste, wenn Hildegard Knef versehentlich die Augen verschlossen hatte oder die Backen aufgeblasen, verbrannte er das Negativ einfach. Er hätte sie ebensogut verkaufen können. Manchmal haben verzerrte Gesichter von Prominenten Konjunktur. Das zeigen die Bilder vom betrunkenen Harald Juhnke. Die anderen sollten daran verdienen, nicht Winkler.

Ein Weggefährte, der "Traumschiff"-Produzent Wolfgang Rademann, sagt, dass mit seinem Tod eine Journalisten-Generation zu Ende gegangen sei: "Die Stars waren seine Freunde. Für sie tat er alles." Vor zwei Wochen feierte er gerade wieder auf einer Party mit den gealterten Originalen seines Foto-Archivs, als sein Bauch zu schmerzen begann. Im Martin-Luther-Krankenhaus diagnostizierten die Ärzte Bauchspeicheldrüsen-Entzündung. In den meisten Fällen ist die Krankheit nicht schwer zu kurieren. Doch diesmal hatte Winkler kein Glück.

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