Berlin : Love Parade: Kehrseite des Umzugs

Deike Diening

Über der Straße des 17. Juni graut der Morgen. Es ist ein schönes, verwaschenes Eisgrau. Soweit das Auge reicht, stehen blinkend, leise brummend und Diesel atmend die Maschinen der Stadtreinigung. Der Abfall liegt knöchelhoch, er klebt, es dünstet schon etwas aasig, dabei ist der Dreck noch gar nicht so alt. Es sieht aus, als sei die Hauptschlagader der Stadt aufgerissen und hätte Müll ausgeblutet. Aber in seiner Menge sieht er auf surreale Weise schön aus, ein gigantisches Bühnenbild. Es ist fünf Uhr früh, und die Maschinen tauchen mit einem zufriedenen Brummen ihre Rüssel hinein, als saugten sie Nahrung an: ein langsames Fressen schwerfälliger Tiere, die sich bei Tagesanbruch auf einer einsamen Lichtung treffen.

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Foto-Tour: Love Parade in Bildern Dies ist schon wieder eine Wagenparade. Die Männer der Stadtreinigung sind die letzten, die sich an der Love Parade zu schaffen machen. Man könnte von der Kehrseite der Love Parade sprechen. "Ich habe deinen Tellerbesen auf der Hardenbergstraße gefunden", ruft Ronald Backhaus in sein Funkgerät. "Einen Platten habe ich auch noch", funkt es zurück. Backhaus ist der Einsatzleiter der Frühschicht, und hat in seinem Planwagen, auf dem der gefundene Besen liegt, keine Zeit zu verlieren. "Plattfuß ist die häufigste Panne hier", sagt er. "Glas."

Dann fährt er uns zur KG 033, einer der vier großen Kehrmaschinen, die heute im Einsatz sind. Heute ist sie der Arbeitsplatz von Detef Behnke. Wir ziehen uns hoch ins Führerhäuschen und haben einen enormen Rundblick. Die Sitze scheinen ungeheuer bequem, aber für eine lange Tour sind sie dann doch zu weich.

Das Steuer ist auf der rechten Seite. Detlef Behnke hat den Rinnstein konzentriert im Blick. Über seine zwei Spiegel kann er gezielt auf seinen Tellerbesen schauen - wenn er noch genauer hingucken will, kann er ihn mit einem Knopfdruck beleuchten. Das Saugrohr schlürft durstig am Rinnstein.

Behnke stoppt den Wagen und führt seine zwei getrennten Motoren vor. Die Hauptmaschine für das Fahrzeug und den Zusatzantrieb für die Kehrvorrichtung. "Die fahre ich immer so mit 1800 Umdrehungen." Auch deren Leistung wird über das Gaspedal erhöht. "Dann baut sich ein Vakuum auf und die Maschine kann ansaugen." Manchmal verstopft ein großes Stück Müll das Saugrohr. "Wenn ich dann keinen Begleiter habe, der neben dem Wagen herläuft, muss ich anhalten, aussteigen und mit einer Eisenstange das Rohr wieder freilegen." Sieben Hebel hat sein Armaturenbrett noch, über die er an unterschiedlichen Stellen Wasser zuführen kann: auch zum Besen und zu seiner Kehrwalze. "Nach ein paar Tagen Einweisung kann man das hier," sagt er. "Aber wir müssen ja jedes der Geräte hier fahren können." Beiläufig erzählt er, dass den Job seit 24 Jahren macht. In Lichtenberg wurde er geboren, ging dann in den Westteil und hat sich jetzt wieder "im Osten" ein Haus gebaut und eine Kirschlorbeerhecke drumgepflanzt. Er freut sich darauf, nach der Schicht dort auszuspannen.

Behnke legt großen Wert auf sein Äußeres. Der kleine Schnauzer ist exakt gestutzt, der Nacken akkurat ausrasiert, und die Haare sind pomadisiert. Die Brille passt zum goldenen Schmuck. Als könne er mit der Mühe, die er für sich verwendet, einen Kontrapunkt setzen gegen den ganzen Müll, der grob und willenlos herumliegt: Ein Sandwichstand hat seine übrig gebliebene Ware einfach dagelassen. Der Haufen gammeliger Brote in Cellophan liegt am Straßenrand. "Ich verstehe nicht, was die Leute alles in die Gegend feuern. Jeder kann doch bis zwei Kubikmeter Müll kostenlos vorbeibringen." Vor uns liegt jetzt ein Keramikwaschbecken. Sein Kollege Uwe holt es per Hand heraus. Ein paar Meter weiter bewacht jemand noch einen Haufen Wassermelonen.

"Wollen sie mit zur Kippstelle?" fragt Behnke. Die Kippstelle befindet sich mitten auf dem 17. Juni. Ein Bagger wartet dort, um die ausgeladenen 4,7 Kubikmeter in einen Container zu schaufeln. Behnke kratzt das Sieb der Maschine aus. "Das hier ist eine Schörling-Maschine. Für mich sind das die besten", sagt er und legt die weißbehandschuhte Hand fast zärtlich an seinen 16-Tonner.

Detlef Behnkes Schicht geht noch bis neun Uhr. "Aber wenn man danach ins Bett geht, dann hat man ja nichts mehr vom Tag", sagt er und hat sich deshalb erst einmal verabredet.

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