Berlin : Lucia Giersch (Geb. 1913)

Im Keller beim Fliegeralarm, da spürt sie seine Hand auf der ihren

Karl Grünberg
Lucia Giersch (1913-2016)
Lucia Giersch (1913-2016)Foto: privat

Für ihren Traummann hat sie nur vier Kriterien. Punkt 1: Groß soll er sein. Denn sie selber misst nur knappe 1,55 Meter. Die vielen Schränke, an die sie nicht heranreicht, das soll er dann übernehmen. Punkt 2: Er soll braune Augen haben, die wären ein schöner Kontrast zu ihren blauen. Punkt 3: Er muss katholisch sein, da gibt es keine Kompromisse. Sie ist es ja auch. Punkt 4: Schlau soll er sein. Immerhin wurde ihre Lehrerin extra bei der Mutter vorstellig. „Was meinen Sie, aus Ihrer Lucia könnte eine wunderbare Lehrerin werden. Sie müsste aber auf eine höhere Schule gehen.“ Doch die Mutter antwortete: „Was brauchen wir Lehrerinnen? Schneiderinnen brauchen wir!“ Also blieb es beim Volksschulabschluss.

Ihre Familie: arme Leute, die Mutter aus Schlesien, der Vater aus Westpreußen, in Berlin leben sie in zwei Zimmern, Moabit. Katholisch durch und durch, ihr Lebensmittelpunkt ist die Kirche und die Gemeinde. Drei Kinder kommen vor dem Ersten Weltkrieg. Darunter Lucia, auch Lu, genannt. Und vier Kinder danach. So leben sie, sich nie beklagend und von früh bis spät arbeitend.

„Warum hast du immer so rote Wangen?“, fragt die Schneidermeisterin. Lu: „Vom Laufen.“ Denn jeden Morgen steht Lu in aller Hergottsfrühe auf, hetzt durch den Tiergarten, um pünktlich in der Schneiderei zu sein. Kein Geld für Fahrrad oder Straßenbahn. Und überhaupt, wofür hat Gott dem Menschen zwei Beine gegeben? Einen Führerschein wird Lu ihr Leben lang nicht haben. In der Schneiderei steht auch ein Telefon. Ein großes, lautes Ding. Wenn es klingelt, erschrickt Lu. Wenn sie auch noch rangehen soll, weigert sie sich. Diese modernen Sachen sind ihr unheimlich.

Auch ihr erster Verehrer ist ihr nicht ganz geheuer, denn er schwärmt ein bisschen zu sehr von ihrer blonden Haarpracht und den guten Genen ihrer vielen zukünftigen Kinder. Mit dem zweiten Schwarm fährt sie sogar zur Zugspitze, doch auch aus dem wird nichts. Aber dann, mit fast Mitte 30, die Mutter wird schon unruhig, geht Lu in eine Bäckerei. Die Bäckerstochter Gerda spricht sie an: „Wo haben Sie denn das tolle Kleid gekauft?“ – „Das habe ich selber genäht.“ – „Könnten Sie mir auch ein Kleid nähen?“ Sie werden Freunde und nicht viel später lädt Gerda Lu zu ihrem Geburtstag ein: „Da kommt auch der Fritz, der hat Fronturlaub, und weißt du, was dem passiert ist? Seine Verlobte hat ihm den Ring auf dem Bahnhof vor die Füße geworfen.“

„Möchten Sie noch ein Stückchen Kuchen?“, fragt Fritz. Lu will eins und dann noch eins und diesen Fritz, den will sie auch. Als sie alle in den Keller hasten, weil der Fliegeralarm von draußen hereinheult, als sie nebeneinander auf der harten Bank sitzen, da kuschelt sie die kalten Hände in ihren Muff. Und plötzlich spürt sie eine Hand auf der ihren. Fritz. Er nimmt ihre Finger und hält sie fest.

Fritz ist groß, klug, katholisch, aber er hat blaue Augen. Nun, diesen Kompromiss kann sie jetzt eingehen. Acht Tage später sind sie verlobt. Ein paar Monate später verheiratet. Aber er muss zurück in den Krieg. Als er wieder vor ihr steht, erschrickt sie. Abgemagert, kahl geschoren und mit Krücken. Ein Teil seines Beines mussten sie im Lazarett abnehmen.

Die Cheruskerstraße 15 in Berlin Schöneberg wird ihr Zuhause, und schnell merkt sie, dass Fritz, auch wenn ein bisschen von ihm fehlt, immer noch Fritz ist mit der Freude am Leben und dem Schalk in den Augen. Schnell füllt sich die Wohnung, drei Kinder, ein Schwiegervater, der Bestandteil des Ehevertrages ist. Gut, dass es noch den Schrebergarten gibt.

Fritz macht Karriere in der Gewerkschaft, in der Politik, wird Abgeordneter in Berlin und reist um die Welt. Lu wird Hausfrau. Natürlich näht sie noch, für die Familie und für Privatkunden. Die Kinder bekommen die schönsten weißen Kniestrümpfe, und die Damen tragen Lus Hochzeitskleider.

Lu gefällt ihr Leben. Sie ist, wie ihre Eltern waren, genügsam, vernünftig und mit sich im Reinen. Ob nun dies oder jenes aus ihr hätte werden können, Lehrerin zum Beispiel, ist ihr egal. Das liegt auch an Gott. Er ist für sie da, bestimmend, festlegend, gibt Maßstab, Wert und Rahmen. Müsste sie es in Worte fassen, könnte sie es nicht. Wozu auch? Gott ist Gott, da gibt es nichts zu erklären. Wenn bei den Kindern auf der katholischen Schule Prüfungen anstehen oder das Uni-Examen bei den Enkeln, betet Lu für sie. Selbst die Freunde der Enkel rufen an und sagen: „Deine Oma hat doch so einen guten Draht zu dem da oben, könntest du sie nicht fragen, ob sie für mich betet?“

Aus Lu wird Oma Lu. Aus der Ehefrau wird eine Witwe. Traurig, aber das Leben geht weiter. Sorgen, dass sie ohne Fritz in dem großen Haus mit den sieben Zimmern und dem Garten in Lichterfelde nicht zurechtkommen würde, macht sich niemand. Oma Lu mit der bunten Blumenkittelschürze und den dicken Brillengläsern werkelt allein, empfängt Freundinnen und Enkel, fährt mit der Familie auf Reisen, löst Kreuzworträtsel. Bis sie 99 ist. Dann stürzt sie. „Nun muss ich wohl ins Heim“, sagt sie und hat schon eins rausgesucht, ein katholisches natürlich. Von zu Hause mitnehmen will sie nichts, keine Möbel, keine Bücher, nur ein Bild von ihrem Fritz.

Noch einmal vier Jahre Besuche, Geburtstage und Gottesdienste, bis sie schwächer wird und einschläft und hinaufwandert, dahin, wo ihr Gott und ihr Fritz schon auf sie warten.

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