Luftbrücke : Noch einmal Süßes von oben

Mehr als 60.000 Besucher, 60 Jahre nach Ende der Berlin-Blockade: Die Berliner feiern mit Veteranen der Luftbrücke auf dem Flughafen Tempelhof – fast war es so, als sei er nie geschlossen worden.

Christian van Lessen
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Großer Empfang. 60 Jahre nach Ende der Berlin-Blockade und ein halbes Jahr nach seiner Schließung war der Flughafen Tempelhof am...

Als kleiner Punkt über den Sendetürmen von Britz taucht er am Dienstag um 16.15 Uhr auf, wird über Neukölln und der Hasenheide immer größer, bis er über den Columbiadamm über das Flugfeld einfliegt und für zehntausende von Gästen des alten Flughafens Tempelhof als gut erkennbarer, silberner Rosinenbomber vorbeikurvt. Drei Runden ums Flugfeld folgen, an Fallschirmen werden Süßigkeiten abgeworfen, die aber zum großen Teil jenseits des Zauns landen, mit dem das Flugfeld abgesperrt ist. Nach zehn Minuten fliegt das Symbol der Luftbrücke Richtung Schönefeld davon.

Bis zum Abend sind etwa 160 000 Besucher gekommen. Der Flug des Rosinenbombers mit dem Luftbrückenpiloten Gail Halvorsen an Bord gilt als Höhepunkt. Viele hat nur dieser Flug gelockt, Joachim und Marie Golde zum Beispiel, die beide die Luftbrücke erlebt haben. Als das Flugzeug naht, macht sich Rührung breit, es wird geklatscht. Manche stört, dass während des großen Augenblicks Schüler auf einer Bühne zu lauter Musik tanzen. Nicht nur viele Kinder, die sich auf Süßes von oben gefreut haben, sind vom Ergebnis enttäuscht. Die Goldes erinnern sich, dass sie damals die Flugzeuge gesehen und sich geärgert haben, dass nichts Süßes vom Himmel fiel.

Für die Feier zum Ende der Blockade mussten sich die Besucher anstellen, vorübergehend wurden die Eingänge gar gesperrt, der Andrang war zu groß. Viele Ältere sind dabei, die sich an die Blockade erinnern, frühere Ost-Berliner berichten, auch sie hätten als Kinder vereinzelt von amerikanischen Proviantlieferungen was abbekommen. Der auf dem Vorfeld ausgestellte Rosinenbomber wird liebevoll berührt, auch die ausgestellten Personen-, Last- und Lieferwagen sind eine Attraktion.

Überall wird Ausschau nach Veteranen gehalten, die sich unter das Volk gemischt haben. Sie lassen sich gern fotografieren, berichten über ihre Zeit als Flieger oder Bodenpersonal, viele sind seit vielen Jahren mit Berlin verbunden, leben sogar hier. Eine Frau ist aus England gekommen, um vor dem Luftbrückendenkmal ihres Vaters zu gedenken. Er starb bei der Luftbrücke.

Im Tagesspiegel-Ausstellungszelt direkt neben dem Rosinenbomber sind die historischen Zeitungsseiten eine Attraktion. Besucher lesen sich fest, sind von den alten Fotos fasziniert. Viele Gäste lassen sich ablichten und in das Foto in eine Original-Zeitungsseite einkopieren. In der alten Abfertigungshalle klingt Swing- Musik, die passende Untermalung für eine nostalgische Zeitreise.

Es ist auch das Wiedersehen mit dem Flughafen Tempelhof, das viele begeistert. Seit seiner Schließung vor einem halben Jahr hat er sich dem Bewusstsein der Stadt entzogen, für einen Tag ist er voller Menschen. Die Führungen sind gefragt, und die Bustouren übers Flugfeldgelände – durch den Zaun hindurch – sind so begehrt, dass die Leute dafür fast eine Stunde anstehen. Die wenigsten schimpfen. Statt fünf hätten doppelt so viele Busse eingesetzt werden können. Aber fürs Wiedersehen mit Tempelhof, sagen die meisten, hat sich das Warten gelohnt.

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