Luftwaffensammlung : Gatow: Abflug aus der Bedeutungslosigkeit

In Gatow verrottet die weltweit bedeutendste Luftwaffensammlung. Die Hangars in Tempelhof wären die Lösung.

Falk Jaeger
Luftwaffensammlung
Im Abseits. Auf dem weitläufigen Bundeswehrgelände im Spandauer Ortsteil Gatow sind 220 Flugzeuge zu sehen. -Foto: Rainer W. During

Man ist eine Dreiviertelstunde unterwegs, mit der S-Bahn und Bus 135 nach Groß-Glienicke. Noch zwölf Minuten zu Fuß durch die neue „Landstadt Gatow“, dann steht man vor dem Drahtzaun des größten Museums der Hauptstadt – das kaum einer kennt. Über gut hundert Hektar erstreckt sich das Gelände des ehemaligen britischen Flughafens Gatow. Eine kleine Baracke dient als Empfang, der Eintritt ist frei, und schon findet sich der Besucher auf dem Flugfeld des Museums der Bundesluftwaffe wieder.

Neun Hangars stehen im Halbrund, dazwischen das Dienstgebäude mit dem Kontrollturm. Auf den beiden noch zur Hälfte bestehenden Rollbahnen sind 65 Maschinen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg geparkt, elegante Jäger und behäbige Erdkampfflugzeuge, Bomber, Transportflugzeuge und Aufklärer sowie Rotorflügler, waffenstarrende Kampfhubschrauber und Rieseninsekten gleichende Transporter. Die Misere ist offenkundig: Die Maschinen müssen auf der Piste Wind und Wetter, Hagel und zerstörerischem UV-Licht trotzen. Die alten Lacke verblassen, die Plexiglashauben werden rissig und erblinden, die Dichtungen verspröden. Wertvolles Museumsgut ist schutzlos dem Verrotten preisgegeben. Der unaufhaltsame Verlust an Originalsubstanz, Horrorvorstellung jedes Museologen, ist nicht zu verantworten. Nur ältere Maschinen, Prototypen und die Geschichte der Luftwaffe sind unter Dach in zwei Hangars und im Tower ausstellungstechnisch aufbereitet präsentiert.

Die Wiedervereinigung hat dazu geführt, dass zwei ehemals verfeindete Luftwaffen der Nato und des Warschauer Paktes unter dem Dach der Bundeswehr fusionierten. Deswegen hat das Luftwaffenmuseum die kompletten Flugzeugarsenale, die im Kalten Krieg gegeneinander aufgerüstet wurden, als Exponate: von MIG 29 bis zur North American F-86 .

Direktor Oberstleutnant Ralf-Gunter Leonhardt hat noch viele Pläne. Er will keine Techniksammlung für Militärbegeisterte führen, sondern ein Museum als politisch-historischen Lernort. Die Luftbrücke ist dabei ebenso ein Thema wie der Bombenterror aus der Luft, das ethische Leitbild der Militärflieger ebenso wie die Geschichte der Luftwaffen als militärische Einheiten. Auf dem Rundgang werden beispielsweise in einem Saal die Bundesluftwaffe und die Luftstreitkräfte der DDR gegenübergestellt. Die Gemeinsamkeiten sind verblüffend, man spürt, dass beide Streitkräfte in preußischen Traditionen wurzelten.

Größtes Handicap ist jedoch die abseitige Lage. Viele Berliner haben von dem Museum noch nie gehört. Die Website der Berlin Tourist Information führt es unkommentiert auf der Museumsliste, schickt Interessenten aber seit Jahren zur Postadresse statt zum Eingang – fünf Kilometer entfernt auf der gegenüberliegenden Seite –, und niemand scheint es zu bemerken. Die Reiseveranstalter haben es nicht auf der Agenda. 60 000 Besucher jährlich sind nicht viel, zumal die meisten davon Luftwaffenangehörige sind, die zum Besuch abkommandiert werden.

Neue, grundsätzliche Überlegungen bieten sich seit längerem an, denn in Tempelhof stehen mehr als 30 000 Quadratmeter Hangarflächen leer. Die periodischen Kurzzeitaktivitäten der Modemesse „Bread and Butter“ sind offenkundig keine Dauerlösung. Eine teilweise Museumsnutzung ist für Tempelhof ohnehin angedacht. Das Technikmuseum hat schon einige Maschinen hier deponiert. Ein nationales Luftfahrtmuseum ist denkbar. Was läge näher, als das Luftwaffenmuseum hierher zu verlegen und ihm das Publikum zu verschaffen, das ihm gebührt?

Die Frage sollte man eigentlich dem Verteidigungsminister als oberstem Dienstherrn stellen. Der Senat hatte seine Anfrage nur an Oberstleutnant Leonhardt gerichtet, der dankend abwinkte. Er ist zufrieden mit den Verhältnissen und hält vor allem die Kosten eines Umzugs seiner 220 Großexponate nicht für vertretbar. Zudem sei in Gatow viel Geld investiert worden. Im Haus von Bausenatorin Junge-Reyer ist man leidenschaftslos und verweist lakonisch auf den „Entwicklungsträger Tempelhof“, der noch dieses Jahr die Arbeit aufnehmen soll. Wenn der das Luftwaffenmuseum in seine Überlegungen einbeziehe, werde man weitersehen. Für Kultursenator André Schmitz ist das gar kein Thema. Das Luftwaffenmuseum sei Bundesangelegenheit, und der Flughafen Tempelhof werde von der Bausenatorin „bespaßt“, hieß es aus seinem Haus.

Doch zur Umwidmung des drittgrößten Gebäudes der Welt auf dem Flughafen Tempelhof muss das ganz große Rad gedreht werden. Die im Dornröschenschlaf schlummernde Sammlung aus der Bedeutungslosigkeit zu reißen und sie konservatorisch zufriedenstellend unterzubringen, wäre eine angemessene Aufgabe.

Und der Umzug böte die Möglichkeit, das Baudenkmal in Tempelhof, immerhin der erste große Neubau der Luftfahrtgeschichte überhaupt, in seiner Funktion als Flughafen und Hangaranlage erlebbar zu erhalten.

Der Autor ist Architekturkritiker und freier Publizist.

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