Lungenkrebs : Zwei graue Lappen

Die einzige Heilmethode bei Lungenkrebs ist die Entfernung des kranken Gewebes. Früher musste der komplette Lungenflügel entnommen werden, heute kann gesundes Gewebe wieder angenäht werden

Moritz Honert
Lunge

Horst Schmidt (Name geändert) hat Schluss gemacht. Er raucht nicht mehr. Nach 57 Jahren mit einer Schachtel täglich. Heute schüttelt er den Kopf, wenn er auf die Jahre zurückblickt, und wünscht, es hätte schon viel früher Verbote gegen das Qualmen gegeben. Vielleicht hätten die ihn abgehalten. Denn die Gesundheitsgefahren, die ihm immer bewusst waren, die Warnungen seiner Frau und auch das Geld, das durch die Glimmstängel in Rauch aufging, haben das nie geschafft. Dafür bedurfte es erst eines „Paukenschlags“, wie er es nennt. Sein Paukenschlag war eine Diagnose: Lungenkrebs. (s. nebenstehende, vergrößerbare Grafik)

Dass ihn diese Feststellung aus der Bahn gehauen hat, spielt der schmächtige End-Sechziger mit den schütteren Haaren heute herunter. Aber sie hat! Und sie hat sein Leben verändert. Gekleidet in einen weinroten Bademantel sitzt Horst Schmidt am Fenster in seinem Zimmer im Helios-Klinikum Emil von Behring in Zehlendorf. Neben ihm steht ein Metallgestell mit einer Flasche, ohne das er in den nächsten Tagen nirgendwo wird hingehen können. Über Schläuche ist die Flasche mit dem Inneren seines Brustkorbes verbunden. Von dort leitet die sogenannte Thoraxdrainage Flüssigkeit ab – Thorax steht für Brustkorb. Dass die sich in seiner Brust bildet, ist normal, nach dem was Schmidt hinter sich hat. Vor gut einer Woche wurde ihm ein Teil seiner Lunge entfernt. Die Schmerzen nach der OP und den typischen Nichtraucherhusten, der ihn jetzt nächtelang wachhält, redet er klein. Er ist viel zu erleichtert, „noch mal mit einem blauen Auge davongekommen zu sein.“

Horst Schmidt ist einer von 52 000 Deutschen, bei denen jedes Jahr erstmalig Lungenkrebs diagnostiziert wird. Und er ist, was seine Krankengeschichte angeht, ein typischer Patient.

„85 Prozent aller Lungenkrebs-Erkrankungen lassen sich auf Tabakrauch zurückführen", sagt Dirk Kaiser, Chefarzt für Thoraxchirurgie am Helios-Klinikum in Zehlendorf. Ob aktiv oder passiv eingeatmet, sei dabei übrigens egal. „Ein Nichtraucher, der in einer Raucherfamilie aufgewachsen ist, trägt ein genauso großes Risiko wie ein Raucher, der aus einer Nichtraucherfamilie stammt.“ 40 Prozent der Frauen beispielsweise, die an Lungenkrebs erkranken, hätten nie Zigaretten angefasst. Entscheidend seien jedoch auch genetische Voraussetzungen. Schließlich bekomme ja nicht jeder Tabakkonsument zwingend Krebs.

Zwei Stockwerke unter Kaisers Büro arbeitet zur gleichen Zeit seit über einer Stunde ein Ärzteteam am OP-Tisch. Darauf liegt ein Mann, auf die rechte Seite gedreht – auch er hat Lungenkrebs. Ein etwa zwanzig Zentimeter langer Schnitt in der linken Seite seines Brustkorbes ist zu einer tellergroßen Öffnung aufgestemmt. Zwei Zwingen aus Metall halten die Rippen in Position. Die Schmerzen der Überdehnung wird der Patient noch Wochen später spüren.

Im Innern des Brustkorbs kann man das Herz schlagen sehen. Langsam und regelmäßig. Daneben liegen zusammengefallen die zwei grauen Lappen des linken Lungenflügels. Um arbeiten zu können, wird während des Eingriffs nur der rechte Flügel beatmet. Dunkle Verfärbungen und Verästelungen hat das jahrelange Inhalieren von Teer im Lungengewebe hinterlassen. Das es einmal blass rosa war, ist nur noch zu erahnen.

Der Blick in den Körper ist auch für die Operateure stets ein entscheidender Moment. Denn trotz der Möglichkeiten, die Röntgenbild, Computertomografie und Voruntersuchung bieten, können die Ärzte erst jetzt wirklich erkennen, welche Teile vom Krebs befallen sind. Bei dem Patienten auf dem Tisch ist der Tumor recht genau in einem der linken Lungenlappen lokalisierbar. Kurz darauf haben die Ärzte ihn mit ein paar Schnitten entfernt. „In den fünfziger Jahren hat man oft noch den ganzen Lungenflügel herausgenommen“, sagt Kaiser. Heute sei das nur noch in 12 bis 14 Prozent der Fälle nötig. Inzwischen könnten die Ärzte das kranke Gewebe entfernen, und die gesunden Teile im Anschluss wieder zusammennähen. Zum einen wäre bei der neuen Methode die Sterblichkeitsrate nach der Operation viermal geringer und außerdem bliebe den Patienten deutlich mehr Lungenvolumen erhalten.

„Andererseits dürfen wir aber auch nicht zu wenig entfernen“, sagt Kaiser. „Wenn wir nicht restlos alle Krebszellen herausschneiden, dann ist der Effekt der gleiche, als hätten wir gar nicht operiert." Mitunter sei das schwierig. Die derzeitige Technologie erlaube nämlich nicht, kleinste Krebswucherungen, sogenannte Mikrometastasen, zu entdecken. Um ganz sicher zu gehen, entfernt das OP-Team deshalb auch die in der Nähe der Lunge liegenden, etwa erbsengroßen und durch den eingeatmeten Teer ebenfalls dunkelgrau verfärbten Lymphknoten, auf die der Krebs übergreifen könnte. Mit Greifzangen schieben die Ärzte die Lunge beiseite und lösen mit einem pinzettenartigen Werkzeug, an dessen Spitze Strom fließt, die Knoten, die dann nach Größe sortiert gesammelt werden. Ob sie befallen sind, kann nämlich erst eine gesonderte Untersuchung des Gewebes zeigen.

Nach drei Stunden ist die Arbeit getan. Die Operation war erfolgreich. Kaiser hofft, dass sich der Erfolg auch fortsetzt. „90 Prozent der Operierten hören nach dem Eingriff auf mit dem Rauchen.“ Auch Horst Schmidt will nie wieder Zigaretten anfassen. „Wenn ich wieder anfangen würde, gehörte ich ja bestraft“, sagt er und haut auf den Tisch. Seine Hände zittern ein wenig. Dann geht er vom Fenster zurück zu seinem Bett. Das Gestell mit der Thoraxdrainage trägt er in der linken Hand.

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