Luxuswohnungen geplant : Es wird eng im Mauerpark

Auf dem Grünstreifen kommen sich Naturschützer, Feierwütige, Alternative und Touristen zunehmend in die Quere. Anwohner fürchten die Bebauung.

Tanja Tricarico
Mauerpark
Gedränge. Am Wochenende kann es eng werden im Mauerpark. -Foto: ddp

Mit zwei Fingern streicht Bernd Krüger über die Blätter des Zierbaumes. Prüfend wandert sein Blick den dünnen Stamm hinab. Krüger bückt sich und klaubt das verdorrte Laub zusammen. Er ist Landschaftsgärtner. Seit 2003 ist er Mitglied bei den Freunden des Mauerparks. Weil der Bezirk kein Geld hat, sich um Pflanzen und Bäume zu kümmern, springt Krüger ein, schneidet Hecken, kontrolliert den Baumbestand. Wenn es im Sommer richtig heiß wird, kommt er sogar zum Gießen. „Ich will etwas für den Park tun“, sagt er.

Die Müllberge kann man von Weitem sehen. Nach jedem Wochenende ist die Wiese übersät mit Dingen, die keiner mehr braucht. Mitten auf dem Platz hat einer versucht, eine Jacke zu verbrennen. Die verkohlten Überreste sind noch zu erkennen. Rundherum liegen Flaschen, Plastikteller, Holzkohle. Für Bezirksstadtrat Ephraim Gothe (SPD) aus Mitte ist der Park ein Dauerthema. Anwohner beschweren sich bei ihm über Grillgestank, Lärm und Unrat. Ein Grillverbot hat er stellenweise schon ausgesprochen, gegen die Verwüstung des Parks kann er mit dem wenigen Geld, das Berlin hat, nicht viel ausrichten.

Zu DDR-Zeiten teilte das Gelände Ost von West. Ein 50 Meter breiter Abschnitt war zum Todesstreifen umfunktioniert worden. Seit dem Mauerfall haben viele Anwohner in Prenzlauer Berg und aus dem Wedding den Ort bepflanzt, Spielplätze gebaut, eine Jugendfarm entstand. Die Geschichte, der Wildwuchs und die Möglichkeit, selbst zu gestalten, locken Musiker und Aktionskünstler an, Familien und Jogger. Der Mauerpark ist heute eine Naherholungsoase mitten in der Stadt. Und Auslöser für Konflikte.

Der bisher größte Konflikt droht angesichts der Pläne der Vivico GmbH. Das Mauerparkgelände gehört der Deutschen Bahn. In ihrem Auftrag versucht die Vivico, die Fläche möglichst gewinnbringend zu verwerten. Bis jetzt plant die Gesellschaft einen sechs- bis siebengeschossigen, rund 30 Meter breiten Wohnriegel, der unmittelbar am Mauerpark stehen soll, auf vier Hektar hat sie Baurecht. Keine freien Wiesen mehr, keine Bäume. Ein Horror-Szenario, sagt Bernd Krüger von den Freunden des Mauerparks. Baustadtrat Gothe hat Verständnis für die Befürchtungen der Initiative. Doch er weiß auch um die Rechte der Vivico.

Dort, wo einmal die Luxuswohnungen stehen sollen, wachsen heute wilde Sträucher und Unkraut, Pflastersteine liegen herum. Die einzelnen Parzellen sind eingezäunt, viele Gitter eingetreten. Vor einem Verschlag neben dem betonierten Weg liegen Kissen, Decken und leere Fässer. Einige junge Leute sitzen im Schneidersitz. „Wir wollen hier kreativ sein“, sagt Carina. Sie zupft an ihrem pinkfarbenen String-Tanga und schlendert zu einer Dusche an der Seite des Platzes. Langsam dreht sie am Schraubgriff. Es quietscht und krächzt. Neben Carina bewegt sich Tommy im Stakkato mit rudernden Armen zu einer Musik, die nur er hören kann. Beide leben seit einigen Tagen hier. Immer wieder kommen neue Leute dazu. Andere gehen. Am Tag wird entspannt, am Abend gefeiert. Dazwischen auf Leinwände gezeichnet, Skulpturen geschweißt, Körper bemalt. Es wäre schade, wenn solche Gemeinschaften im Mauerpark keinen Platz mehr finden würden, sagt Bernd Krüger. Dann läuft er Richtung Norden, zum Birkenwäldchen. Um von Ost nach West zu kommen, klettert er über einen kleinen Eisenzaun. Einen direkten Übergang gibt es immer noch nicht.

Bunte Hängematten sind zwischen den Bäumen aufgehängt. Gegrillt werden darf nicht. Zu gefährlich, sagt Krüger. Wer den Wald hinter sich lässt, trifft auf ein blaues Häuschen. Auf der Nordhälfte des Mauerparks züchtet Semso Ehnert, genannt Nico, Tauben. Erst seit wenigen Monaten gibt es den Durchgang zu Nikos Taubenhaus. Darunter liegt der denkmalgeschützte Gleimtunnel. Während der Teilung Berlins war dieser verschlossen, heute ist der Tunnel eine von vier Verbindungen zwischen Gesundbrunnen und Prenzlauer Berg. Die Architekten der Initiative wollten aus der Fläche über dem Tunnel einen Treffpunkt mit Bänken, Brücken und Tischen machen. Das Bezirksamt schmettert die Entwürfe ab: nicht umsetzbar. Jetzt verlängert ein betonierter Weg den Mauerpark. Nicht schön, aber funktional, sagt Niko. Die Tiere sind seine Leidenschaft. Der Krankenpfleger schneidet die Hecken vor seinem Taubenhaus, fegt den Boden. Alles macht er selbst, sogar den Müll bringt er weg. Zwei Säcke jedes Wochenende.

Vom Gleimviertel sind es nur wenige Minuten bis zum Amphitheater im Park. Techno-DJ Dr. Motte legt an manchen Freitagabenden auf. Auf dem Plateau tanzen sich die in Trance, die sich gerne zeigen. Andere sitzen auf den Rängen, lassen sich von der Sonne bräunen. Am Sonntagnachmittag wird das Theater zur Bühne für Freizeitsänger. Der Betreiber der Monsterkaraoke-Bar kommt mit einer mobilen Anlage in den Park und lässt jeden singen, der sich traut. Zwischen den Feierwütigen sitzen die Familien, deren Kinder auf den Steinstufen spielen, und die Griller, die die mitgebrachten Salatschüsseln auspacken. Die Flaschensammler laufen von Gruppe zu Gruppe, daneben Männer mit Kühltaschen, die Bier verkaufen. Elektro-DJ Mark dreht gerade sein erstes Musikvideo im Mauerpark. So etwas findet man in Berlin kein zweites Mal, sagt er in breitem amerikanischem Akzent.

Auf der riesigen Schotterfläche neben der Grillwiese ist am Sonntag Flohmarkt. Seit der Markt im Reiseführer Lonely Planet als Geheimtipp steht, gehört Einkaufen im Park zum Pflichtprogramm für alle Rucksackreisenden und Erasmus-Studenten. In den Liegestühlen der Bars liegen die, die sich von der Nacht im Club kurieren. Man spricht Englisch, Spanisch, Italienisch. Getrunken wird Bionade, die Currywurst ist Bio. Echte Berliner trifft man selten. Zum Beispiel Lola, wie sie sich mit Künstlernamen nennt. Die 25-Jährige verkauft selbst genähte Taschen, Klamotten, die sie nicht mehr braucht, und Sonnenbrillen. „Ich mag diese Unabhängigkeit hier“, sagt Lola. Sie pfeift. Ihre feuerroten Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz hoch gebunden. Viel Geld verdient sie nicht auf dem Markt. Es gibt zu viele Kunsthandwerker hier, und vor allem kommen immer mehr kommerzielle Händler, klagt sie.

Flohmarkt, Künstlergemeinschaften, Konzerte. Was den Mauerpark ausmacht, ist durch die Baupläne der Vivico in Gefahr, fürchten viele. Bezirksstadtrat Gothe will in den nächsten Wochen alle Interessengruppen an einen Tisch bringen. Er weiß, dass die Fronten verhärtet sind. Tanja Friedenstab ist Mitglied der neu gegründeten „Initiative Mauerpark“. Wegen der schönen Aussicht und der besonderen Atmosphäre ist sie vor ein paar Jahren mit ihrem Hund in den Wedding gezogen. Wenn die teuren Wohnungen gebaut werden, steigen auch die anderen Mieten, fürchtet die 40-Jährige. Außerdem werde die soziale Kluft zwischen Wedding und Prenzlauer Berg größer. Die Leute haben keine Ahnung, was auf sie zukommt. An diesem Nachmittag hat sich die Initiative auf der Wiese getroffen. Die Arme vor dem Körper verschränkt, blickt Friedenstab angespannt auf das weiße Leinentuch vor ihr. Transparente malen, Unterschriften sammeln, informieren. Jugendliche, Anwohner und sogar ein paar Vertreter des Bezirksamts sind gekommen, um sich die Aktion anzuschauen. Friedenstab freut sich über die Unterstützung. Der Mauerpark verbinde Ost und West – die, die in der Natur entspannen wollen, mit denen, die im Freien feiern. Wir brauchen den Park, sagt Friedenstab.

Ein paar Schritte von den Aktivisten entfernt pflückt eine Frau Zieräpfel. Eine rosafarbene Plastiktüte voll hat sie bereits gesammelt. Energisch rüttelt sie an den Zweigen des Baumes. Bernd Krüger wird auf sie aufmerksam, geht langsam auf sie zu. Erschrocken lässt die Frau den Zweig los. Dann grinst sie Krüger an. Lecker, sagt sie. Er lächelt. Aber lassen sie den Zweig dran, sagt er. Ungläubig blickt sie ihn an, versteht und bietet ihm wie zum Zeichen der Versöhnung einen Apfel an. Eine Lücke klafft dort auf, wo normalerweise die Schneidezähne zu sehen sind. Wenn alle ein bisschen mehr auf den Park achten, können wir hier prima leben, sagt Krüger.

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