Berlin : Luzie Genge, geb. 1915

Christine-Felice Röhrs

Vier Mal war sie an jenem Tag gestürzt. Die altersschwachen Beine wollten nicht mehr, so sehr der wache Kopf es auch befahl. Das ärgerte Luzie Genge ungeheuer, sie hatte doch noch so viel zu tun. Der Arzt schickte sie ins Bett. Da war Luzie Genge 81 Jahre alt. Vier Jahre lang blieb sie hier liegen. Bis sie starb. Die Welt draußen hat sie nicht wiedergesehen.

Manch einer mag das Leben nicht mehr lebenswert finden, wenn es sich nur noch auf wenigen Quadratmetern abspielt. Luzie Genge war nicht so. Mit Kissen, Kuscheltieren und einem nicht enden wollenden Besucherstrom arrangierte sie ihr Dasein auf dem Sterbebett - eine Größe, die alle, die ihr nahe standen, bewunderten. Deshalb beginnt diese Geschichte über Luzie Genges Leben an seinem Ende.

Den Tag begann sie oft damit, dass sie ihre Pfleger Kuchen besorgen ließ. Nachmittags stand der dann für die Besucher bereit. Eine begabte Gastgeberin war Luzie immer schon gewesen. Für ihr Leben gern hatte sie gekocht und gebacken. Und vieles hatte die langjährige Feinkostverkäuferin dann selbst aufgegessen - über ihre Molligkeit konnte Luzie noch lamentieren, als die Bettdecke längst jedes unliebsame Pfund verdeckte. Viele der Gäste, die tagtäglich kamen, waren anfangs noch bezahlte oder ehrenamtliche Hilfen gewesen: wie Hartmut, der Krankengymnast, Meike, die Vorleserin, die Pfleger Karl-Heinz und Anita oder Frau Gottschalk, die Sterbebegleiterin. Luzie machte sie kurzerhand zu ihren Freunden.

Freundschaften schließen, das war das große Talent dieser lebhaften Frau, die jedes Gespräch dominierte, die nie eine Pointe vermasselte. Seiner "Luzie Oma" vertraute der Krankengymnast Hartmut seine privaten Sorgen an. Meike erzählte von ihren engsten Freunden und führte sie dann der alten Dame zur Begutachtung vor. Mit Karl-Heinz und Anita schließlich vollbrachte Luzie Genge ein Meisterstück der Kuppelei: Listig hatte sie den beiden immer wieder Nettes über den jeweils anderen zugeflüstert und auf Verabredungen gedrängt. Heute sind sie ein Paar.

Lebensmut und Durchhaltewillen, das zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Leben der Luzie Genge. Diese Eigenschaften hatte sie aber auch bitter nötig, denn irgendwie machte das Schicksal bei Luzie immer auf halbem Wege kehrt: schenkte ein bisschen Glück und nahm es dann wieder weg.

Das erste Mal machte Luzie diese Erfahrung, als sie liebte. Als Verkäuferin bei Feinkost Hefter hatte sie ihre große Liebe, den Leiter der Johannestaler Filiale Karl Ardelt, kennengelernt. Bald war Hochzeit. Auf dem Hof der Familie ihres Mannes im schlesischen Rengersdorf wurde Luzie schnell heimisch, obwohl sie sich hier mit ihren Nylonstrümpfen, den verrückten Hüten und all der Schminke im Gesicht wie ein Paradiesvogel ausnahm. Hochachtung erwarb sich die Berlinerin, als sie nach dem Tod der Schwiegermama im Hochsommer den Leichnam - er lag in der Stellmacherei zwischen Eisblöcken aufgebahrt - drei Tage lang immer wieder mit Formalin wusch, um damit der Verwesung entgegenzuwirken.

Trotz aller Widrigkeiten der ersten Kriegsjahre war das die glücklichste Zeit ihres Lebens - im Kreis einer großen Familie. Ein jähes Ende nahm das Glück, als der Mann nach sieben Jahren Ehe im Krieg fiel und die neue Heimat verloren ging. Und Luzie saß mit der kleinen Tochter Barbara todunglücklich, allein und ausgebombt wieder in Berlin.

Um der Sicherheit willen heiratete sie Willi Genge. Doch Luzie liebte ihn nicht genug. Nach 12 Jahren Ehe reichte sie die Scheidung ein, obwohl alleinerziehende Mütter damals noch mit schrägen Blicken zu rechnen hatten. Mit den Töchtern Susanna und Barbara betrieb sie nun ein fröhliches Drei-Mädel-Haus. Sie war eine Glucke, die ihren Lieblingen zum Frühstück Pudding bereitete, und eine Verkäuferin anbrüllte, sie solle Süßkram nicht auf Kinderaugenhöhe liegen lassen, nachdem Barbara Kaugummi gestohlen hatte.

Doch dann, die Kinder waren erwachsen, passierte wieder ein Unglück: Susanna kam bei einem Unfall ums Leben. Dass sie selbst weiterleben durfte, die Tochter aber nicht, das machte Luzie Genge lange zu schaffen. Doch sie rappelte sich wieder einmal auf und fand einen neuen Lebensinhalt als Ehrenamtliche in der Arbeiterwohlfahrt. Wie gesagt, sie hatte noch viel vor, als sie sich mit 80 Jahren ins Bett legte. Kaum getraute sie sich zu sterben. "Schafft ihr es auch ohne mich?", fragte sie immer wieder ängstlich, bevor sie am 19. Dezember endlich die Augen schloss.

Mit ihrem Tod ist die Geschichte der Luzie Genge aber noch nicht zu Ende. Nach ihrer Einäscherung hebelten Freunde die Urne auf, um drei Teelöffel Asche zu entnehmen. Am 15. März, Luzie Genges 86. Geburtstag, wird Tochter Barbara sie auf dem Soldatenfriedhof Lommel in Belgien verstreuen, da, wo Luzies geliebter erster Mann Karl begraben liegt. Nach 56 Jahren sind sie dann wieder vereint.

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