Berlin : Macchiato am Mahnmal

Irritationen über eine neue Gastronomiezeile neben dem Holocaust-Denkmal

Christian van Lessen

„Es ist geschmacklos, pietätlos, mit Blick auf diesen Ort Hamburger zu verzehren“, sagen Uwe und Petra Alpert aus Braunschweig. Sie halten den Bau, der gerade am Holocaust-Mahnmal errichtet wird, für „unangemessen groß und denkbar ungeeignet“. Axel Schulz aus Winsen an der Luhe sieht die lange Holzkonstruktion gelassener: Hier müsse es auch Toiletten und Gastronomie geben. „Ist doch egal, wie der Bau aussieht. Die Leute denken doch vor allem an das Mahnmal.“

Es wird in diesen Tagen – nicht nur vorm Stelenfeld – viel über den merkwürdigen Bau an der Cora-Berliner-Straße diskutiert. Von Weitem, von der Ebertstraße, sieht es aus, als stünde ein großer, durchlöcherter Bauzaun hinter dem Holocaust-Mahnmal. Über Ostern werden Tausende von Passanten – vor allem auch Touristen – rätseln, was da passiert. Sie werden vor dem lang gezogenen ein- bis zweistöckigen Bau an der Cora-Berliner-Straße stehen, sich über die hellbraune Holz-Zeile wundern, die farblich so absticht vom grauen Mahnmal. Das erklärende Bauschild ist fast versteckt.

Ein dänisches Ehepaar findet die Aufbauten „unpassend“. Die Meinungen der Passanten sind geteilt. Das vierköpfige Filmteam der Firma „MMCD“ aus Düsseldorf, das im Auftrag der Stiftung im Stelenfeld unterwegs ist, diskutiert auch über das Holzhaus. Ein junger Filmer meint, ihn störe am Mahnmal ohnehin schon die „Vergnügungsatmosphäre“. Mit dem geplanten „Touristenkram“ am Rand werde sie nur noch verstärkt. Überhaupt müsste man wissen, was genau in die Pavillons reinkommt. Eine Kollegin stört sich am Holz. „Kämen gedeckte Farben drauf, sähe es besser aus. Sonst habe ich nichts gegen die Pavillons, das Mahnmal muss doch mitten im Leben stehen.“ Ein anderer Filmer wendet ein, die Aufbauten „nehmen dem Ganzen die Ernsthaftigkeit“.

Die wenigsten Passanten sehen das Bauschild an der Behrenstraße. Es zeigt auf einer Zeichnung die hölzernen Pavillons – nicht aber das Stelenfeld davor. Es ist nur als ebene graugrüne Fläche geschönt skizziert, als wäre es eine Wiese. Angekündigt wird ein Pavillonensemble mit Ladengeschäften für Informationsbroschüren, Bücher, Geschenkartikel, etc. sowie Cafés und Restaurants. Im Obergeschoss sollen Gewerberäume „mit Dachterrasse und Aussicht auf das Stelenfeld des Mahnmals“ entstehen. Die Entwürfe stammen vom Architektenbüro Aschenbrenner Mosler, Bauherr ist die Grundstücksgesellschaft BÄR, Eigentümerin der hinteren Plattenbauten. Sie will langfristig auf dem Pavillongelände ein Wohnhaus errichten, das Holzgebäude soll nur etwa drei Jahre stehen.

Das Richtkrone hängt schon, zunächst war die Eröffnung zu Ostern geplant, jetzt soll sie im Mai sein. Die Bauherren betonen, die „Naturkonstruktion“ solle den Übergangscharakter zeigen. Die Räume seinen bereits „überwiegend vermietet“. Es werde auch einen Informationsstand vom Mahnmal geben, im oberen Stock eine Aussichtsplattform mit Café. Man habe mit dem Entwurf „niemanden getäuscht“, die Plänen seien von Vornherein im Bezirksamt bekannt gewesen, alle Beteiligten habe man einbezogen. Mit der Stiftung habe es eine enge Abstimmung gegeben. „Ist hier ein Dixi-Klo angemessen?“

Uwe Neumärker von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Deutschlands betont, alle Beteiligten hätten gewusst, was für ein Bauwerk entsteht. Die Vorteile einer solchen Pavillonzeile seien größer als die möglichen Nachteile. Und auch im Bezirksamt Mitte wird versichert, der Bau entspreche den eingereichten Plänen. „Er ist grauenhaft“, sagt dagegen Manuela Damianakis, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. „Meine persönliche Meinung.“ Aber auch Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) sei nicht begeistert. „Aber sie kann nichts dagegen machen.“ Im ausgewiesenen Wohngebiet sind Gaststätten und kleiner Einzelhandel erlaubt. Die umstrittene, über 100 Meter lange Konstruktion weist derzeit mit rund 30 großen Fensterhöhlen auf das Mahnmalgelände. Sie flankiert die Hanna-Ahrend-Straße zweistöckig. Die Böden sind zum großen Teil schon betoniert. Am Bauzaun wirbt ein italienisches Restaurant. Über das ganze Gelände zieht der Duft von Spanplatten. Bauarbeiter werden schon gefragt, ob das Haus nicht aufweicht beim Regen. „Da kommt noch eine Schutzschicht drauf. Soll doch nur drei Jahre halten.“

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