Berlin : Machtwechsel in Berlin: Hinter den Kulissen

Brigitte Grunert

Nein, als künftiger Regierender Bürgermeister will sich Klaus Wowereit nicht bezeichnen lassen, noch ist nicht Sonnabendabend. Als Parteichef Peter Strieder dieser Tage vor der Presse "der künftige Regierende" sagte, verbesserte ihn Wowereit: "der Kandidat!" So viel Stil muss sein vor dem Machtwechsel. Nicht doch, vor der Wahl des "Übergangssenats". Und auch wer Strieder mit "Machtwechsel" kommt, wird augenblicklich korrigiert: "Beginn des Neuanfangs!" Du liebe Güte, Strieder muss auf einer Wolke schweben. "Das wird ein Gute-Laune-Senat!", behauptet er. Nicht mal vom Tennisspiel in aller Herrgottsfrühe ließ er sich in dieser heißen Woche der langen Nächte abhalten. Wowereit lächelt unentwegt zuversichtlich. Warum aber wirkt bloß sein Fraktionssprecher Hans-Peter Stadtmüller seit Tagen fix und fertig von der ganzen Hektik? Reine Nervensache vermutlich.

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TED: Soll der Regierende Bürgermeister direkt gewählt werden? Wenn der neue Senat gewählt wird, dann wird der Senatssprecher und Diepgen-Vertraute Michael-Andreas Butz (CDU) Anfang der Woche in den einstweiligen Ruhestand versetzt. War er voreilig? "Man ist ja Realist", sprach er. Butz hat sich bereits via Rundschreiben von den Mitarbeitern der Senatskanzlei verabschiedet. "Ich verlasse das Rathaus in der Gewissheit, in einer historischen Zeit... gesprochen zu haben", schrieb er. Und was wird aus seinem Stellvertreter Helmut Lölhöffel von der SPD, der erst seit Januar Angestellter im Roten Rathaus ist? Weiß er nicht, und Wowereit behält für sich, wer Senatssprecher wird; den Stellvertreter beanspruchen die Grünen. Lölhöffel verblüffte es allerdings, dass ihm bei der Parlamentssitzung am Donnerstag fünf Journalisten mitfühlend die Hand zum Abschied drückten und herzlich alles Gute wünschten. Einer tröstete ihn: "Wenn ein großes Haus einstürzt, werden viele begraben." Also auch in der zweiten Reihe geht es um die Frage: "Wer wird was?" Da sendet der Flurfunk dauernd Gerüchte.

Für den CDU/SPD-Senat war schon Dienstag Ultimo. Als Finanzsenator Peter Kurth (CDU) nach der Senatssitzung den mit CDU-Mehrheit beschlossenen Entwurf des Nachtragsetats vorstellte, hatten die Journalisten ausnahmsweise wenig zu fragen. Auch ihre Köpfe waren ja voller ganz anderer Aufregungen. Da wollte doch einer einfach nur vom Finanzsenator wissen, ob er denn der Spitzenkandidat der CDU werde. Peter Kurth bewahrte Haltung und antwortete mit einer Gegenfrage: "Nehmen Sie wirklich an, dass darüber im Senat geredet wurde?" Alles war sprachlos. Nach einem Moment der Stille blickte Kurth amüsiert in die Runde: "Na sehen Sie, ich auch nicht." Ja, ja, die CDU hat sich ihren Fraktionschef Frank Steffel ausgeguckt. Der ist robust und kampflustig, nicht so feinfühlig und zurückhaltend wie Kurth.

Gesundheitssenatorin Gabriele Schöttler liebt die Umarmungen. Zur Begrüßung fällt sie ihren Sozis immer gern um den Hals. "Warum umarmen Sie nicht auch mal mich?", neckte sie Peter Kurth vor ein paar Monaten. "Also Sie werde ich umarmen, wenn wir mit Buch durch sind", meinte sie bestimmt. Richtig, seit der Käufer für das Klinikum Buch gefunden, die Privatisierung perfekt ist, wurde auch Kurth die Schöttlersche Art der Begrüßung zuteil. Noch am Dienstag im Senat umarmte sie ihn - und am Donnerstag vor aller Augen im Parlament, als die erbitterte Schlacht um den Machtwechsel tobte. Gern geschehen. Persönliche Feindschaften müssen ja nicht sein.

Bei der Jubiläumsfeier der Grünen zur 20-jährigen Zugehörigkeit zum Abgeordnetenhaus wollte überschäumende Festfreude nicht recht aufkommen. Manche blickten etwas vergrübelt drein, viele sind in die Jahre gekommen. Aber ein Grünen-Urgestein fiel als Strahlemann auf. Vergnügt machte sich Michael Cramer, Verkehrsexperte der Fraktion, über die Biere und Schnittchen her. "Ich freue mich schon so auf Sonnabend", verriet er, obwohl er doch nicht Senator wird. Nein, erstens freut er sich auf die Gratulanten und Blumen im Abgeordnetenhaus, weil er heute 52 Jahre alt wird. Zweitens macht er sich "das schönste Geschenk" selbst: "Eberhard Diepgen abwählen!"

Und was tut der fraktionslose Abgeordnete Ekkehard Wruck (früher CDU, jetzt parteilos)? Wruck revoltierte schon vor 20 Jahren und immer wieder gegen Eberhard Diepgen und Klaus Landowsky mit ihrer "Betonriege". Da bekam sein Wilmersdorfer Kreisverband, in dem er lange der Chef war, zur Strafe den Namen "Sowjetisch Wilmersdorf" verpasst. Doch in den letzten Jahren wurde Wruck immer konservativer und in Wilmersdorf von der liberalen Kurth-Riege abserviert. Da schwor er sich: Mit denen nicht mehr! Und wie stimmt er heute ab? "Mit denen nicht!", sagt er, "doch nicht mit Rot-Grün-Rot". Er kann sich als Neinsager sogar treu bleiben: Nein zur Abwahl Diepgens, Nein zu Wowereit, Nein zu den Senatskandidaten.

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