Berlin : Madame Chevalier

Die Leitende Oberschulrätin Eva-Maria Kabisch wurde von Präsident Chirac mit dem Französischen Nationalorden geehrt

Hanna Engelmeier,Maxi Leinkauf

Von Hanna Engelmeier

und Maxi Leinkauf

Im hellen Büro auf dem großen Schreibtisch von Eva-Maria Kabisch liegt ein Brief von Jacques Chirac. Der französische Staatspräsident hat ihr darin zu einer außergewöhnlichen Ehrung gratuliert. Die leitende Oberschulrätin in der Senatsschulverwaltung hat den Französischen Nationalorden zugesprochen bekommen – vor allem für ihre Verdienste um die Förderung der französischen Sprache und Kultur in Berlin.

Die Initialzündung für ihre Frankophilie war eine Begegnung als Schülerin mit französischen Jugendlichen, die wie sie einen Aufsatzwettbewerb gewonnen hatten. Schon damals scherte sie sich wenig um Ländergrenzen: „Europa reicht bis zum Ural“, lautete der erste Satz des Essays der 17-Jährigen. Eine Lebenseinstellung, der sie ihr ganzes Berufsleben lang treu geblieben ist.

Ob als Lehrerin, als Leitende Oberschulrätin, als Vertreterin Berlins in der Kultusministerkonferenzoder als Vorsitzende des Bund-Länderausschusses für das Auslandsschulwesen: Eva-Maria Kabisch opferte viele Stunden, um den regelmäßigen Schüleraustausch zwischen Deutschland und Frankreich, „den zwei Kernländern der europäischen Union“ zu stärken. „Menschen müssen sich begegnen, um sich und ihre verschiedenen Kulturen kennen zu lernen.“

Auch innerhalb Deutschlands brachte sie Menschen einander näher: Nach der Wende wurde sie als Beraterin nach Sachsen geschickt. Dort sollte sie ostdeutsche Lehrer auf das andere Schulsystem vorbereiten. Eine Gratwanderung. „Sie wollten als gleichberechtigt akzeptiert werden. Also haben wir uns gegenseitig unsere Biografien erzählt.“ Später debattierten sie auch über das Fachliche. „Im Osten wurde viel stärker solides Wissen betont, bei uns eher die Diskussionen“, sagt Kabisch. Wenn sie ihre Kollegen beim Unterrichten beobachtete, dachte sie: Nee, Leute, so geht das nicht. „Da war so viel Entweder-Oder, aber wenig Sowohl-als-Auch.“ Für das Brückenbauen zwischen Ost und West bekam Kabisch 1998 das Bundesverdienstkreuz.

Aber da hatte noch viel anderes Platz in ihrem Leben, zum Beispiel die Musik. Mit ihr war Eva-Maria Kabisch schon in ihrem protestantisch-bürgerlichen Elternhaus in Berührung gekommen, sie absolvierte eine Stimmausbildung und schrieb den Text für das Musical „Berlin als Bahnhof“; es handelt von Begegnungen unterschiedlicher Typen in der Stadt und wurde vor vielen tausend Zuschauern präsentiert. Und auch ihre Liebe zum Theater trug die an der FU promovierte Germanistin in die Schule. Im Jahr 1978 etablierte sie das Fach „Darstellendes Spiel“. Nirgendwo lerne man so gut, sich zu präsentieren, hochdiszipliniertes Arbeiten im Team und „vor allem sprechen“.

Sich auf einen Aufgabenbereich zu beschränken, stand für die gebürtige Berlinerin nie zur Debatte. Sie schrieb Schulbücher, war von 1996 bis 1999 schulische „Umzugsbeauftragte Bonn/Berlin“, und inzwischen hat sie ihr Engagement auf Osteuropa ausgedehnt. Deshalb freute sie sich besonders darüber, dass sich Schulleiter und Repräsentanten Polens und Ungarns für ihre gestrige Ernennung zum „Chevalier de l’Ordre National du Mérite“ in der Französischen Botschaft angekündigt hatten.

Ihre Kollegen schätzen an der 62-Jährigen vor allem ihren Mut. Sie schenkten ihr zum Geburtstag eine Collage: Darauf war sie als französischer Ritter zu sehen. Und auf dem Gang grüßt man sie oft mit: „Guten Morgen, Jeanne d’Arc!“ Ende März geht sie in den einstweiligen Ruhestand – und bleibt trotzdem am Ball: „Um in Europa wirklich zusammenzuwachsen, brauchen wir noch viel Geduld.“ Dass ihr diese nicht so schnell ausgeht, hat Eva-Maria Kabisch in den letzten 30 Jahren bewiesen. Und nach dem 31. März wird sie weiterarbeiten. Natürlich im Bildungsbereich. Angebote hat sie schon.

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