Berlin : Männer ohne Worte

Sie haben die Frauen ihres Lebens gequält und geschlagen. Beim Therapeuten lernen sie, die Sprache der Gewalt abzulegen

Verena Friederike Hasel

Wird wohl einen Schnupfen haben, der Mann, der da vor der Praxis für Allgemeinmedizin in Kreuzberg steht. Sieht aus wie ein Kinderladen-Erzieher aus den Achtzigern, mit seiner Nickelbrille, dem Bart und dem orangefarbenen Halstuch. Wird sich sein Rezept abholen, ein paar Tropfen nehmen und fertig.

Doch mit Tropfen ist es hier nicht getan: Der 44-jährige Ludwig Thörner ist 17 Mal vorbestraft wegen Körperverletzung; die Opfer waren die Frauen in seinem Leben. „Gestoßen und geschubst habe ich“, sagt Thörner. „Und mit der Faust ins Gesicht geschlagen.“

Heute hat Thörner einen Termin bei Michael Wenzel. Der gelernte Pädagoge hat vor anderthalb Jahren ein Institut für Gewaltberatung gegründet. Seine Klientel: Männer, die zu Hause nicht mehr zuschlagen wollen. Statistiken zufolge erfährt etwa jede vierte Frau mindestens einmal im Leben körperliche Gewalt von ihrem Partner. Wenzel hatte bisher etwa 50 Klienten, vom Handwerker bis zum Professor; mit jedem von ihnen hat Wenzel durchschnittlich rund 30 Termine. Dass Wenzel – laut eigener Aussage „Gewaltberater“ – die Männer außerhalb der Sprechzeiten des Arztes in der Kreuzberger Praxis trifft, ist Teil seines Konzepts: „Wir wollen ein niederschwelliges Angebot machen.“ Dazu gehöre auch, dass seine Klienten an einer Tür klingeln, hinter der wohl niemand einen „Gewaltberater“ vermuten würde.

Mit einer Tür fing auch der bisher heftigste Gewaltausbruch in Ludwig Thörners Leben an, nämlich der zur Wohnung seiner damaligen Frau. Vergeblich hatte Thörner versucht, sie aufzuschließen, doch sie war von innen verriegelt, und auf sein Klingeln kam keine Reaktion. „Da war ich schon voll im Brast und hab’ die Tür eingetreten.“ Ein Kerl flitzte heraus, offenbar der Liebhaber seiner Frau. „Ich war so in Adrenalin, da hätten tausend Mann stehen können“, sagt Thörner. Doch da stand nur seine Frau, und auf die stürzte er sich: „Ich habe sie geschüttelt und gewürgt.“ Bis der Hausmeister gekommen sei. „Das war ihr Glück“, sagt Thörner. „sonst hätte ich sie aus dem Fenster geworfen.“

Während Thörner das erzählt, hat er seinen kleinen Kopf schief gelegt und schaut wie ein freundliches Nagetier drein. Er lächelt unentwegt. Auf die Frage, warum er das tue, sagt er: „Verlegenheit.“ Und lächelt weiter.

Das ist die eine Seite von Männern wie Thörner: Mundwinkel hoch, auch wenn es weh tut. Laut Wenzel tragen all seine Klienten ein überhöhtes Männlichkeitsideal vor sich her, markieren pausenlos Stärke und verdrängen ihre Angst. Die offenbart sich dann in jäh hochschießender Aggression – der anderen Seite seiner Klienten. „Hinter den Schlägen sitzt die Angst, als Mann zu versagen und die Frau zu verlieren“, so Wenzel.

Seit dem Tag, an dem Thörner seine Frau fast umbrachte und dafür ein halbes Jahr ins Gefängnis kam, sind 14 Jahre vergangen. Auf der Fensterbank in Thörners Küche liegt ein Kuschelbär, Kinderspuren ziehen sich durch den ganzen Raum: Eine Halloween-Maske auf dem Tisch, Sternaufkleber am Kühlschrank. Im Flur hängen zwei Sicherheitswesten in Kindergröße, mit Leuchtstreifen. Die müssen sich Thörners Söhne, acht und neun Jahre alt, jedes Mal anziehen, wenn sie das Haus verlassen. „Damit den Jungs draußen nichts passiert“, sagt der Elektriker.

Seine Situation ist doppelt ungewöhnlich: Ein Mann, der seine Kinder alleine großzieht, und dann noch ein gewalttätiger. Darauf angesprochen, erhebt Thörner die Stimme: „Man muss differenzieren zwischen Ludwig, dem Vater, und Ludwig gegenüber Frauen.“ Seine Jungs habe er nie geschlagen, ihre Mutter Barbara dagegen schon: „Sie trug schon mal ein Veilchen davon“, sagt Thörner und klingt dabei, als spreche er über ein apartes Blumenhütchen, das sie gelegentlich aufhatte. Barbara und er leben getrennt, streiten sich aber mitunter immer noch bis hin zu Handgreiflichkeiten. Das letzte Mal vor einem halben Jahr, Auslöser war ein Zwist um die Kinder. Da war es plötzlich wieder da, sagt Thörner, dieses alt- bekannte Brast-Gefühl, das innerliche Heißwerden. „Eins kam zum anderen, sie schubste mich, ich schubste zurück und habe wieder einmal die Kontrolle verloren“, sagt Thörner.

Aus dem Gefühl des Versagens rief er danach im Institut für Gewaltberatung an. Dort will er lernen, „rechtzeitig abzubiegen, anstatt den geraden Weg der Gewalt voranzugehen“. Zum einen mittels Gegenstrategien; Barbara und er haben sich bei Streitgesprächen inzwischen an feste Redezeiten zu halten. Zum anderen durch Arbeit am Selbstbild: „Wann ist ein Mann ein Mann, ist eine der Grundfragen in der Beratung“, meint Wenzel. Er ist froh um Männer wie Herbert Grönemeyer und Jürgen Klinsmann – die, wie er sagt, „neuen Männer“, die selbst über Kummer und Erschöpfung öffentlich sprechen. Sie sind Vorbilder für seine Klienten, denn diese schlagen eher zu, als den Mund aufzumachen. Das zu ändern, fällt auch Ludwig Thörner nicht leicht. Auf die Frage, ob er Barbara schon einmal gesagt habe, dass er wütend auf sie sei, stutzt er, schüttelt dann langsam den Kopf: „Nein, so klar habe ich das noch nie formuliert.“

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