Männermode aus dem Wedding : Neue Kleider für den Kerl

Aus dem Weddinger Norden in die Modewelt: Antje Burckhardt schneidert Männeranzüge, die Schnittformen aus dem 18. Jahrhundert mit modernen Elementen kombinieren. Ein Besuch in ihrem Atelier.

von
Antje Burckhardt von "Gaillard Vivant" mit ihren Anzügen
Antje Burckhardt von "Gaillard Vivant" mit ihren AnzügenFoto: Thilo Rückeis

Okay, schick ist sie schon, die Oudenarder Straße, Ahornbäumchen und Altbaufassaden in Pastell, das kann sich wirklich sehen lassen, besonders wenn man bedenkt, dass der grässliche Nauener Platz nur ein paar Minuten zu Fuß weg ist.

Aber ein Modelabel mit französischem Namen? Hier, im Nordosten von Wedding-13347?

Das ist dann doch noch mal was anderes. Denn es gibt zwar den „Coiffeur“ von gegenüber, aber der ist in Wahrheit dann ja auch nur der Frisörsalon Ute Lehmann. Aber bei „Gaillard Vivant“ stehen zwei Schaufensterpuppen in auffallender Kostümierung hinter der Scheibe, und da wird geglotzt, klar. Da kommen die Leutchen an der Hausnummer 8 vorbei und verdrehen sich den Hals. Immer wieder, immer noch.

Hier, hinter den Fenstern mit dem großen goldenen „V“, dem „V“ des Modelabels „Gaillard Vivant“, da wird wirklich Mode gemacht. Große Mode. Männermode. Und an Frankreich kommst du eben nicht vorbei, nicht in der Mode.

„Von Frankreich aus hat sich alles entwickelt“, sagt Antje Burckhardt, die selbst aus der Nähe von Dresden kommt und in Paris auch noch nicht länger als mal ein paar Wochen war. Aber es ist eben doch ein wichtiger Bezugspunkt für die Mode, gerade auch für die Mode, die Burckhardt macht, hier oben in der Oudenarder, Berlin-Wedding.

Anzüge für Männer, die stellt Antje Burckhardt her, einfach gesagt. Aber einfach sollen sie eben gerade nicht sein, die Fabrikate Marke „Gaillard Vivant“, was so viel heißt wie: lebendiger Kerl.

Justaucorps, das ist so ein französischer Begriff, der öfter fällt, wenn man mit Antje Burckhardt über ihre Mode spricht, die sie in Handarbeit und (noch) ganz alleine fertigt. Justaucorps, das ist ein eng anliegender Gehrock aus eigentlich längst vergangenen Zeiten, so 17., 18. Jahrhundert. Aber das ist etwas, das Antje Burckhardt noch nie verstanden hat: „Warum greifen die anderen Modemacher nicht weiter zurück als bis in die 30er Jahre?“ Da werden regelmäßig Retro-Trends angestoßen, 50er, 60er, vielleicht auch mal Vorkriegssachen, aber richtig weit zurück traut sich keiner.

"Die Männermode hat's nötiger"

Burckhardts Anzüge sind anders. Ganz anders. Da brauchst du kein Fashion-Experte zu sein, um das zu sehen. Die Schnittlinien harmonieren, erklärt sie, „fließende Linien und vitale Schrägen“, so heißt das dann in der Fachsprache, oder: „Die Gestaltungselemente kommunizieren und gehen aufeinander ein.“

Die Jacken sind unten länger, das sieht auch der Laie, sie haben keine geraden Abschlüsse, sondern laufen spitz zu, bis fast auf Kniehöhe, sind teils frackartig angelegt. Es sind Schnitte, die man allenfalls von der Bühne kennt oder aus Historienfilmen, und das ist kein Zufall. Antje Burckhardt ist eigentlich Designerin von Bühnenkostümen, arbeitet viel für Theaterproduktionen, damit macht sie auch heute noch ihr Geld, bis „Gaillard Vivant“ bekannt genug ist, dass sie davon leben kann

Die Schnitte, die sie gut kannte von all den Kostümen aus Goethe- und Schiller-Zeiten habe sie „abgewandelt und aufgefrischt“, sagt Burckhardt. Da ist an einem Gehrock dann auch mal eine Kapuze dran oder sehr große Taschen, die Hosen sind oben weit, mit mehreren Stofflagen übereinander und unten an den Knöcheln sehr eng zulaufend. Moderne Formen und ganz alte gleichzeitig, das wirkt direkt.

Warum aber nur Männermode? „Die Männermode hat's nötiger“, sagt Antje Burckhardt und lacht. Ihr Ziel? „Ich will den Gehrock wieder etablieren.“ Ein hehres Unterfangen, allein das Wort klingt schon nach einem anderen Zeitalter, Gehrock, dabei wurde er vor nicht einmal hundert Jahren noch wie selbstverständlich getragen, von Politikern beispielsweise, eine Variante heißt dann auch „Stresemann“.

Acht Jahre ist Burckhardt hier oben in der Oudenarder Straße, damals zog sie im Hinterhaus ein und begeisterte sich sofort für die Details des Altbaus. Irgendwann fiel ihr dann der Laden im Vorderhaus auf, früher ein Elektrogeschäft, dann jahrelang leer, die Vermieterin kam ihr entgegen, sie renovierte das Geschäft selbst, mit ihrem Vater, ein dreiviertel Jahr, zig Tapetenschichten, und irgendwann kam die uralte Deckenverzierung zum Vorschein. Du bist verrückt, sagten ihr Freundinnen, so viel Mühe, der Laden gehört dir doch gar nicht, aber man kann es eben so oder so machen, und Antje Burckhardt macht es gern richtig.

„Meine kleine Mission“, sagt sie.

Und wie passt das alles in den Wedding?

Denn maßgeschneiderte Mode hat natürlich ihren Preis. 800 Euro etwa kostet alleine eine Jacke, für einen Dreiteiler Jacke-Hose-Weste muss der geneigte Kerl insgesamt rund 1.400 Euro hinlegen - Einzigartigkeit ist dafür garantiert.

„Hier wird die Mode gemacht“, sagt Antje Burckhardt, „aber die Zielgruppe ist hier nicht.“ Was nicht weiter schlimm ist, schließlich ist ihr Ziel nicht der Ladenverkauf, sondern, wie sie sagt, ihre Anzüge „international zu repräsentieren“. Was im Jahr 2014, anders als noch im 18. Jahrhundert, zunächst mal hauptsächlich unpersönlich übers Internet funktioniert. Homepage und Online-Shop sollen bis Ende des Jahres fertigsein, aber einen Vorgeschmack hat Antje Burckhardt schon mal bekommen. Da kam tatsächlich mal einer extra aus München, weil er sich eine Weste machen lassen wollte. Aber auch ein Lokalfußballer hier aus dem Wedding hat sich schon was schneidern lassen. Gemeinsamer Nenner der Zielgruppe laut Modemacherin: „Männer, die Verantwortung übernehmen wollen für das, was sie tragen.“

Aber der Berlin-Bezug ist ihr schon wichtig, das erste Foto-Shooting des Labels fand am Bahnhof Friedrichstraße statt mit seinen braungelben Schachtfenstern. Auch so ein alter Ort, von denen es so viele gibt, man muss sie nur entdecken und freilegen, Schicht um Schicht. 

Gaillard Vivant: Tag des offenen Ateliers, Samstag, 11. Oktober, 14-18 Uhr, Oudenarder Straße 8, 13347 Berlin

Dieser Artikel erscheint im Wedding-Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben