Berlin : Man muss nicht alles schlucken

Die Stiftung Warentest hat 6000 Medikamente getestet – und ein sehr dickes Buch herausgegeben. Ein Ergebnis: Teure neue Präparate sind nicht immer besser als billige alte Mittel

Rosemarie Stein

„Unwissenheit kann tödlich sein“, könnte auf Arzneipackungen stehen. Jeder dritte Patient hat Medikamente schon weggeworfen, weil die Liste der Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel ihn verschreckt hatte. Andere wieder nehmen zu viele, und kaum ein Patient kann beurteilen, ob auch wirklich geeignet ist, was er da schluckt.

Menschen, die das umtreibt, wird jetzt geholfen. Gerade ist das „Handbuch Medikamente“ der Stiftung Warentest in einer Neuausgabe erschienen, auf 1240 Seiten erweitert – und auf den neuesten Stand gebracht.

Das Buch kostet 39 Euro, immerhin, aber das ist es wert, denn die Autoren nehmen kritisch die 6000 wichtigsten Arzneimittel unter die Lupe, erläutern ihre Wirkungsweise und bewerten sie nach wissenschaftlich hieb- und stichfesten Kriterien als geeignet, auch geeignet, mit Einschränkung geeignet und schließlich weniger geeignet – dies wohl aus juristischen Gründen anstelle von „ungeeignet“. Tausende von Medikamenten-Studien haben die Experten herangezogen.

Gegliedert ist das Handbuch nach Krankheiten. Es informiert aber nicht nur über die angezeigten Medikamente, sondern auch über Symptome und Ursachen, ebenso über Vorbeugung und über die Behandlung ohne Arzneimittel. Neu in dieser Ausgabe und bisher einmalig ist zumal, wie den Patienten beigebracht wird, mit Nebenwirkungen umzugehen. Sie werden nicht nur als häufig oder selten, leicht oder schwer klassifiziert, der Leser erfährt auch, wie er sich im Notfall zu verhalten hat: Da steht dann zum Beispiel „Maßnahmen erforderlich“ oder „muss beobachtet werden“ oder auch „sofort zum Arzt“. Und letztendlich erfährt der Leser sogar, warum ein Mittel der zweiten oder dritten Wahl unter bestimmten Umständen vorzuziehen ist.

Das Buch kann seinem Leser eine Reihe von unbegründeten Ängsten nehmen, vor Kortison zum Beispiel oder Opiaten. Aber es mahnt auch zur Vorsicht, denn wie eine Studie in britischen Krankenhäusern gerade wieder erwiesen hat, sind Nebenwirkungen von Arzneimitteln die Ursache für mehr als fünf Prozent aller Krankenhauseinweisungen.

Das Buch beschäftigt sich zum Beispiel mit Hormonpräparaten für Frauen in und nach den Wechseljahren. Und es ist nicht gerade erfreulich, was die Experten herausgefunden haben.

Schon vor zwei Jahren hatte eine amerikanische Studie gezeigt, dass eine Langzeiteinnahme von Hormonpräparaten eher schadet als nützt. Vor einem Jahr empfahl dann auch das Bundesinstitut für Arzneimittel, nur noch besonders ausgeprägte Wechseljahrsbeschwerden mit Östrogen und Gestagen zu behandeln – und zwar so niedrig dosiert und so kurz wie möglich, keinesfalls mehr langfristig, wie manche Ärzte es empfehlen, um auch Alterskrankheiten vorzubeugen. „Trotzdem sind bis heute die Verordnungen in Deutschland nur um 15 bis 20 Prozent zurückgegangen“ sagt Gerd Glaeske, Gutachter für die Arzneibewertungen im Handbuch und Professor an der Universität Bremen.

Und jetzt ist im Handbuch nachzulesen, dass manche Frauen, die in den Wechseljahren mit einer Östrogen-Gestagen-Kombination behandelt wurden, noch dazu „ein größeres Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall haben als ohne eine solche Therapie“! Und gegen den Abbau geistiger Fähigkeiten im Alter, so steht es im Buch, helfen die Hormone auch nicht. Sie fördern ihn sogar, wie sie auch die Gefahr von Venenthrombosen, Lungenembolien, Gallenwegsleiden und Brustkrebs vergrößern.

Den Pharmakonzernen werden solche Befunde gar nicht gefallen, immerhin geht es um Milliarden. Schon nach der ersten Auflage hatten sie sich auf die Stiftung gestürzt – „ganze Scharen von Anwälten hat die Industrie mit Einsprüchen und Klagen beschäftigt“, sagt Annette Bopp, eine der beiden Autorinnen – „aber wir mussten keine einzige Bewertung zurücknehmen“.

Zur Vorsicht mahnt Medikamentengutachter Gerd Glaeske auch bei den Therapie-Empfehlungen wissenschaftlicher Gesellschaften. Auf viele sei kein Verlass, kritisiert er. Als Beispiel nennt er die Bluthochdruck-Liga. Glaeske bemängelt, dass deren Therapieleitlinie (die von der Pharmaindustrie finanziell gefördert wird) noch nicht bewährte und sehr teure Mittel an die Spitze ihrer Empfehlungen setzt: die Medikamentengruppe der Sartane nämlich, eine neue, vor allem in der Langzeitwirksamkeit kaum erprobte Gruppe blutdrucksenkender Substanzen. Die empfehlen die Stiftung Warentest-Experten nur bei Unverträglichkeit der in vielen Fällen angezeigten ACE-Hemmer. Damit folgen sie dem Stand der Forschung.

„Nicht alles Neue ist auch besser, oft sollte man lieber abwarten“, sagt Gerd Glaeske. Denn bei kritischer Analyse bleibt vom behaupteten und erhofften Effekt oft nichts übrig.

— Handbuch Medikamente. Erhältlich im Buchhandel oder unter www.stiftungwarentest.de/buecher.

6., komplett überarbeitete Auflage. Stiftung Warentest 2004, 1240 Seiten, 39 €.

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