Berlin : Margarete Brucklacher (Geb. 1923)

Sie müsste kühl bleiben, Geschäfte treiben. Aber sie ist nicht kühl

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Im Jahr 1860 wandert der schwäbische Messerschmied Gustav Brucklacher nach Berlin. Hier trifft er ein Mädchen mit scharf geschnittener Nase und entschlossenem Blick: Margarete Schultze, Tochter eines Berliner Messerschmiede-Meisters. Bewandert in der Kunst des Haltbaren, schafft das Paar eine Existenzgrundlage, auf der ihre Nachkommen noch 150 Jahre später die Klingen wetzen: Sie übernehmen einen Eisen- und Stahlwarenladen an der Oranienstraße und erweitern das Geschäft um eine eigene Werkstatt. Ihr Sohn Willy führt den Betrieb fort und bekommt wiederum einen Sohn, Heinz. Heinz führt das Geschäft der Eltern fort und bekommt ...

Nein, der Sohn von Heinz ist noch nicht geboren. Heinz sitzt noch in den Trümmern von Berlin und trauert um seine im Krieg gestorbene Braut. Seine künftige Ehefrau Margarete wiederum sitzt in Hameln und trauert um ihren gefallenen Verlobten. Außerdem hadert sie mit ihrer Zukunft. Sie möchte ihr Leben nicht in der engen Backstube ihrer Mutter und ihres Stiefvaters fristen. Gut, dass es Vera gibt. Vera ist Margaretes Cousine und weiß, wie man sich neue Horizonte öffnet.

Noch vor dem Krieg hat Vera am Ostseestrand die Brucklachers kennengelernt, schöne Schmiede mit gut laufendem Betrieb. Als sie von der Trauer des jungen Brucklacher hört, schiebt sie ihm Margarete unter die Augen.

Weil das Geschäft mit dem Metall nicht nur Kleingeld abwirft, weil ihr Berlin besser gefällt als Hameln, und weil Heinz ein lustiger Mensch ist, beginnt für Margarete die beste Zeit ihres Lebens. Lachend sitzt sie auf Heinz’ Schoß, wirft ihre Marlene-Dietrich-Beine in die Luft und prostet dem Fotografen zu.

Niemand weiß so recht, was hinter ihr liegt. Warum blieb sie bis zum letzten Moment in dem heimatlichen Dorf in Pommern, während die Mutter und der Bruder zusammen mit den anderen Dorfbewohnern längst geflüchtet waren? Weil sie das uneheliche Kind war? Sie spricht nicht über die alten Zeiten. Sie will Gegenwart, Gustav wird geboren. Heinz investiert in zwei Flächenschleifmaschinen für Maschinenmesser, Druckereien und Verlage erteilen Großaufträge. Doch Heinz erkrankt an Krebs. Als er stirbt, ist Gustav zwölf.

Das Lachen auf Margaretes Gesicht verschwindet. Sie wird dünn. Da ist das Kind, und da ist der Betrieb, von dem sie nicht viel versteht. Ihn zu verkaufen, würde ein kleines Vermögen bringen. Doch das hieße, dem Jungen das zu nehmen, was er vom Vater weiterführen kann.

Noch im Trauerjahr wird die Mauer gebaut. Ein großer Teil der Arbeiter steht abgeschnitten auf der anderen Seite, auch einige Kunden. Trotzdem beschließt Margarete, den Betrieb an der Oranienstraße weiterzuführen. Sie sitzt im Eisenwarenladen und verkauft, sie sitzt am Bürotisch, führt die Korrespondenz, rechnet. Erst müssen die Arbeiter ihren Lohn bekommen, dann die großen Firmen. Wenn sie abends die Wohnung betritt, seufzt sie schwer.

Sie müsste kühl bleiben, Geschäfte treiben. Aber Margarete ist nicht kühl. Sie guckt so zurück, wie sie sich angeguckt fühlt. Betritt ein Vertreter oder ein Kunde mit unangenehmer Ausstrahlung das Geschäft und fragt, ob er mal auf die Toilette könne, sagt sie: „Weiß ich doch nicht ob Sie können.“ Kommt jedoch ein Vertreter mit angenehmer Ausstrahlung, braut sie Kaffee, plaudert und vergisst darüber ganz zu handeln.

Gibt es Konflikte, schweigt sie in verschiedenen Abstufungen von zornig bis betrübt vor sich hin. Irgendwie steuert sie den Betrieb, wenn auch leicht schlingernd, durch die Jahre.

Das Leben ist jetzt weniger glanzvoll. Wochenends mit Sohn und Hund die Familie in Hameln besuchen, das ist die einzige Art von Urlaub, der ihr bleibt.

In Gustav entfalten sich derweil die Gene seines Namenpatrons, des Stammesvaters der Schmiede. Er wird Messerschmiedemeister, ganz von allein. Zusammen mit seiner Frau, einer Buchhalterin, rechnet er den Betrieb neu durch, schließt den Laden und verlegt die Werkstatt nach Reinickendorf, wo die Mieten günstiger sind als in Kreuzberg. Sie investieren in neue Schleifmaschinen, an denen Messer für Druckereien und Recylingfirmen geschliffen werden. Doch auch die Handschmiede bleibt erhalten, Köche bringen ihre Küchenmesser, Nachbarn ihre Rasenmäher.

Margarete wirkt befreit. Die Arbeit im Büro teilt sie sich mit ihrer Schwiegertochter. Statt der Vertreter mit der guten Ausstrahlung verwöhnt sie jetzt ihre beiden Enkel. Ziehen die ein langes Gesicht, weil Omas Essen zu heiß ist, greift sie den Topf und rennt damit einmal ums Haus: Geht’s jetzt?

Mit Anfang sechzig kündigt sie ihre langjährige Liebesbeziehung zu dem zwanzig Jahre jüngeren Werkstatt-Meister auf. Sie will, dass er sich eine jüngere sucht. Stolz ist sie, als ihr Enkel sich entschließt, eine Lehre zum Messerschmied zu machen, Schneidwerkzeug-Mechaniker heißt das jetzt. Er investiert in eine computergesteuerte Maschine, mit deren Hilfe sich Geräteteile auf tausendstel Millimeter Genauigkeit herstellen lassen.

„Notschlachten!“ ruft sie, wenn ein Arzt sie allzu betulich fragt, wie es ihr geht. Erst mit 85 Jahren zieht sie sich ganz aus dem Betrieb zurück. Sie stirbt an einem Feiertag, still und ohne langes Leid. Anne Jelena Schulte

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