Berlin : Marie-Luise Anger (Geb. 1931)

Sie legte viel Wert auf Dezenz: nicht zu viel Pantomime, mehr Mime.

Gregor Eisenhauer

Als sie richtig sprechen lernte, war sie über siebzig. Sie mimte die Mutter von Sophie Charlotte, Königin von Preußen, eine Rolle, die ihr auf den Leib geschneidert war, und die sie mit entsprechender Verve spielte. Für diesen Auftritt, für diese erste Sprechrolle war sie sich nicht zu schade, bei einem ehemaligen Schüler Sprechunterricht zu nehmen.

Das Handwerk musste beherrscht sein. Ihr Handwerk war die Pantomime, mehr noch die Mime. Gelernt hat sie bei den Größten ihres Fachs, bei dem bekannten Marcel Marceau und seinem weniger bekannten, aber einflussreichen Lehrer Etienne Decroux.

„Un homme nu sur une scène nue“, so Decrouxs künstlerische Losung. Kein Kulissenfirlefanz, kein pompöser Auftritt, kein Pathos des Vortrags. Ein Fingerzeig genügt, wenn er in die richtige Richtung weist.

Eine Sprache, die nur von Körper zu Körper weitergegeben wird, von Lehrer zu Schüler. „Grammaire du mime“, Marie-Luise Anger hat diese Grammatik, die „Geometrie der Bewegung“, wie sie ihr Lehrer seinen Schülern beibrachte, in einem Lehrbuch notiert. Ein umfassendes Kompendium der künstlerischen Körpersprache, in der jeder Emotion der eigene Körperausdruck zugewiesen wird.

„Nur wenn der Schauspieler darauf verzichtet, in Begleitung seines Körpers auf die Bühne zu kommen, wird er darauf verzichten können, die Kunst des Körpers zu studieren.“ Schauspieler sind zuallererst Bühnenarbeiter, sie müssen ihr Handwerkszeug beherrschen. Und ihr Handwerkzeug ist der eigene Körper.

Manche trumpfen damit auf, andere verharren bewegungsarm, um besser verstanden zu werden. Der Pantomime ist der Lachende unter den Körperkünstlern, der Mime der Verhaltenen. Ersterer erzählt die Geschichten des Alltags unter Einsatz aller Extremitäten; Letzterer gibt die Gefühle ohne Geschichte, wirkt allein über die Bewegung, den Gang, den Schwung des Spazierstocks – wenn ihn denn Charlie Chaplin schwingt.

Marie-Luise Anger legte sehr viel Wert auf Dezenz: nicht zu viel Pantomime, mehr Mime. Wer den Raum füllen will, muss ihn nicht durchschreiten – er muss einfach präsent sein. Sie war da. Und da war etwas.

Dass sie diese Gabe hatte, wusste sie schon als Kind, und sie gab alles dafür. Es zog sie nach Paris, dort lernte sie auf Geheiß des Vaters Dolmetscherin und verdiente sich so das Geld für die Stunden bei Decroux. Als sie zurückkam nach Berlin, um einen Lehrauftrag für Pantomime an der Hochschule der Künste anzunehmen, zog sie wieder in die Wohnung der geliebten Eltern. Der Mietvertrag datierte noch aus den zwanziger Jahren und die Möblierung blieb bis zum Ende nahezu unverändert.

Die Honorarprofessur war nicht sonderlich gut dotiert und ihre eigene Schule für Pantomime hielt sich nicht lange; die Zahlungsmoral vieler Schüler entsprach nicht selten ihrem mangelnden Talent.

Aber Marie-Luise Anger hat sich das Glück ihres Berufs nie nehmen lassen. Sie begann die mimische Arbeit mit geistig Behinderten.

Anfangs mit Schwierigkeiten. „Wirf mir den Ball zu!“ Aber der Ball löste sich nicht von den Händen. Marie-Luise begann ganz von vorn, weckte die Vorstellungskraft ihrer Schüler: „Hier auf dem Tisch steht eine Vase, und die stellen wir nun auf einen anderen Tisch.“ „Wir balancieren auf einem imaginären Seil.“ „Es ist Geburtstag, und wir pflücken eine Blume und drücken sie dem Geburtstagskind in die Hand.“ Jeder ist in seinem Körper gefangen, jeder lässt sich aus diesem Verließ ein Stück weit befreien. Sie vertraute, sie sprach auf Augenhöhe, sie scheute nicht vor körperlicher Nähe zurück. Dafür wurde sie geliebt und immer aufs Neue sehnsüchtig erwartet.

Denn das war ihre größte Gabe: Sie beglückte jeden, ob Schüler oder Freund. Für ihre Trauerfeier hatte sie sich ein Stück von Mozart gewünscht, ein Stück für Tänzer. „Ihr sollt mit der Musik fröhlich aus der Kirche hinausgehen!“ Was bei aller Liebe keinem der vielen Trauernden so recht gelang. Gregor Eisenhauer

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