Berlin : Marmorscherben

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Andreas Conrad über

den unaufhaltsamen Zahn der Zeit

Keine Atempause? Es geht voran? Nu mal sachte. Man wird ja mal verschnaufen dürfen, im bürgerlichen Alltag und bestimmt auch im revolutionären Kampf. Sogar tarifvertraglich sind Atempausen längst Standard. Eigentlich erstaunlich, dass der zu Hausbesetzerzeiten gegrölte Hymnus auf die Geschichte, die „gemacht“ werde, also hergestellt wie ein xbeliebiges Konsumprodukt, auf die Errungenschaften des proletarischen Arbeitskampfs so wenig Rücksicht nahm.

Ja, es gilt sich zu besinnen auf die glorreichen Siebziger, als die Gesellschaft noch geradezu homogen wirkte trotz aller Unterschiede. Als die eine Hälfte, wenn sie mal so richtig in Schwung kam, lauthals die Zeile „Marmor, Stein und Eisen bricht“ zu schmettern pflegte, während die andere gleich von vornherein auf das Ergebnis der Destruktion setzte, auf „Ton Steine Scherben“. Manchem dürfte es bei solch historischer Nabelschau eiskalt den Rücken runterlaufen, sofern er nur im richtigen Alter ist. Gerade noch lauschte er in irgendeiner Geschichtswerkstatt ergriffen den Erinnerungen so genannter Zeitzeugen. Plötzlich ist er selber einer, sieht sich schneller als vermutet von der Rolle des Enkels in die Rolle des Großvaters gedrängt: Opa, erzähl mal vom Krieg.

Es gibt viele Arten, sich der grauen Haare bewusst zu werden. Das erste Mal in einem Popkonzert gesiezt zu werden, ist solch eine Großvater-Erfahrung, noch durch Selbstironie auf eine homöopathische Dosis reduzierbar. Aber sich plötzlich – wie jetzt in einer Ausstellung über Kreuzberg – ausgestellt zu sehen als Macher von gestern, der nur noch den Kopf schütteln kann über die frühere Naivität – keine schöne Vorstellung.

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