Berlin : Martin Luther: großer Reformator und Judenhasser

HeutewirddesTheologenundseinerThesengedacht Die Auengemeinde erinnert an seine dunkle Seite

Claudia Keller

Der Reformationstag ist eigentlich ein Tag, an dem sich die Protestanten selbst feiern. Da rühmen Pfarrer die Leistungen Martin Luthers und beschwören sein Erbe. Die Auengemeinde in Wilmersdorf geht heute einen anderen Weg und erinnert an eine sehr dunkle Seite des Reformators: sein Verhältnis zu den Juden.

Martin Luther habe am Ende seines Lebens Erschreckendes über die Juden geschrieben, sagt Peter von der Osten-Sacken, Theologe an der Humboldt-Universität. Er wird darüber im Reformationsgottesdienst in der Auenkirche predigen. Es gipfelte 1543 in der Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“, worin Luther seinen Landesfürsten auffordert, die Juden zu vertreiben. Zuvor solle man „ihre Synagogen verbrennen und dem Erdboden gleich machen, ihre Häuser zerstören“, das „Geleit und die Straße ganz für sie aufheben“ und „die jungen starken Juden und Jüdinnen zur Arbeit mit Flegel, Axt, Spaten, Rocken, Spindel zwingen“.

„Das ist das komplette Programm, das die Nazis dann in die Tat umgesetzt haben“, sagt von der Osten-Sacken. In früheren Schriften begegnete Luther den Juden mit viel Sympathie, weil er optimistisch war, dass er sie zum Christentum würde bekehren können. Wenn er ihnen zeige, wie man die Bibel richtig auslegt, würden sie schon einsehen, dass Jesus der Messias ist, so die Logik des Reformators. Als er merkte, dass sich die Juden nicht beeindrucken ließen, sei seine Wertschätzung in Aggressivität und Hass umgeschlagen, sagt Peter von der Osten-Sacken.

Luthers Judenfeindschaft ausgerechnet am Reformationstag zum Schwerpunkt zu machen, ist durchaus heikel. Dessen sind sich die Pfarrer der Auengemeinde bewusst. „Aber diese Seite darf man nicht verschweigen“, sagt Pfarrerin Katharina Plehn-Martins. „Das schmälert nicht die Tatsache, dass Luthers Leistung für unsere Kirche immens ist.“

Die Nazis haben Luther zum Kronzeugen für die Judenverfolgung gemacht. Wie sehr sich die Stadt Wittenberg und ihre Pfarrer missbrauchen ließen, zeigt die Ausstellung „Juden in der Lutherstadt Wittenberg im III. Reich“, die ebenfalls ab heute in der Auenkirche zu sehen ist.

In der Theologie wird Luthers Antijudaismus zwar seit Jahren diskutiert, dem breiten Kirchenvolk sei das Thema aber nicht bekannt, sagt Cornelia Dömer vom Luther-Zentrum in Wittenberg, das die Ausstellung konzipiert hat. Als die Schau dort gezeigt wurde, hätten viele Besucher, gerade jüngere, gesagt: „Das haben wir so nicht gewusst.“ Der Luther-Film vor zwei Jahren hat ein Heldenepos gesungen, auch gängige Biografien meiden das Thema Luther und die Juden eher.

„Da braucht der Kirchgänger noch ein bisschen Nachhilfe“, sagt auch der Schöneberger Superintendent Wolfgang Barthen. „Aber vielleicht nicht unbedingt als Hauptthema am Reformationstag.“

Bischof Wolfgang Huber begrüßt die Initiative der Auengemeinde, auch am Festtag. „Luther ernst nehmen, heißt auch, zu schauen, wo er sich verbogen hat“, sagt sein Sprecher. „Es ist gut, dass sich die Protestanten mit Luthers Antisemitismus befassen“, sagt Albert Meyer, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde. Das Thema sei lange verdrängt worden.

18 Uhr Gottesdienst, Auenkirche, Wilhelmsaue 118. Ausstellung bis 16. 11., Di und Fr 10 bis 15 Uhr, Mi und Do 15 bis 19 Uhr.

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