Massenimpfung : Die erste Dosis

Die Massenimpfung gegen die Schweinegrippe hat begonnen. Wie haben die Berliner das Angebot am ersten Tag angenommen?

Kai Kupferschmidt, Werner Kurzlechner

Mit gutem Beispiel voran ging Ulrich Frei. Der Ärztliche Direktor der Charité ließ sich am Montagmorgen um acht Uhr als erster Berliner gegen die Schweinegrippe impfen. „Es geht mir wunderbar“, versicherte Frei acht Stunden nach der Injektion. Er habe die Ärzte und Pfleger zur Impfung ermutigen wollen, damit sie das Virus nicht weiterverbreiten. Tatsächlich sei der Andrang stärker als erwartet gewesen, lautete ein erstes Fazit der Charité am Nachmittag. Die veranschlagten zwei Stunden hätten nicht ausgereicht, um alle impfwilligen Mitarbeiter sofort zu versorgen. Mehr als einige Dutzend Impfungen hat es an der Charité am ersten Tag dennoch nicht gegeben. Den Pandemiebeauftragten Frank Bergmann wundert das nicht. „Die Impfmotivation an Krankenhäusern ist auch in der Vergangenheit nicht besonders groß gewesen“, berichtet der Infektiologe.

„Helfer zuerst“ lautet das Motto in Berlin. Anders als in manchen Bundesländern kann sich in der Hauptstadt vorerst nur sogenanntes Schlüsselpersonal vor der Schweinegrippe schützen lassen. Das sind zurzeit vor allem medizinische Fachkräfte, denn bei Polizei und Feuerwehr sind die Impfungen gegen die saisonale Grippe noch nicht abgeschlossen. Zwischen beiden Impfungen sollten einige Wochen verstreichen. Ab Mitte November sollen zunächst chronisch Kranke, anschließend auch Gesunde in 2000 ausgewählten Praxen versorgt werden. Die Senatsgesundheitsverwaltung ist derzeit noch dabei, diese Praxen auszusuchen. Frühestens Ende dieser Woche können sich die Berliner im Internet oder in den Gesundheitsämtern erkundigen, wo in ihrer Nähe geimpft wird, und einen Termin vereinbaren.

Für eine echte Massenimpfung wäre momentan noch nicht genügend Impfstoff vorhanden. Vergangene Woche holte die Charlottenburger St. Hubertus Apotheke, die berlinweit für die Logistik verantwortlich ist, die ersten 64 000 Dosen des Präparats „Pandemrix“ in Dresden beim Hersteller GSK ab. 8000 davon seien mittlerweile an Charité, Vivantes- Klinikum und Gesundheitsämter geliefert worden, sagte Apotheker Bernd Drevenstedt. Seine auf klinische Studien spezialisierte Apotheke könne zeitgleich 500 000 Dosen lagern. Acht Mitarbeiter seien in den kommenden Wochen allein mit dem Umpacken des Impfstoffes in kleine Portionen beschäftigt, die dann von Charlottenburg aus über ganz Berlin verteilt würden. Insgesamt wurden für Berlin zwei Millionen Impfdosen bestellt.

Dass diese auch tatsächlich genutzt werden, scheint im Moment unwahrscheinlich. Mehr als die Hälfte der Deutschen will sich laut Umfragen derzeit nicht gegen die Schweinegrippe impfen lassen. Der Berliner Medizinhistoriker Volker Hess hat Verständnis für die Zurückhaltung. Im „Deutschlandradio Kultur“ sagte er, durch die erfolgreiche Bekämpfung von Epidemien sei die Angst vor Infektionskrankheiten in den vergangenen 200 Jahren zurückgegangen. Das führe auch zu einer gewissen Impfmüdigkeit.

Dagegen glaubt Carlos Guzman vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, die Menschen seien vor allem schlecht informiert. „Viele glauben, dass der Impfstoff etwas völlig Neues ist.“ Letztlich handele es sich aber seit Jahren um dieselbe Technologie. „Außerdem hört man ständig etwas von Nebenwirkungen. Vielen Menschen ist nicht klar, dass es dabei in den allermeisten Fällen um eine leichte Rötung an der Einstichstelle geht, oder darum, sich einen Tag lang nicht so gut zu fühlen.“ Das Problem sei aber nicht auf Deutschland beschränkt, sagt Guzman.

In den USA herrscht momentan allerdings das gegenteilige Problem. Dort sind nach Angaben der Gesundheitsbehörden bereits 1000 Menschen dem Virus zum Opfer gefallen, darunter rund 100 Kinder. Nun wollen sich viele Menschen impfen lassen, aber die Lieferung verzögert sich. Statt der geplanten 120 Millionen Dosen sind erst 13 Millionen verfügbar.

Marie-Luise Dittmar, Sprecherin der Berliner Gesundheitssenatorin, meint, die Impfbereitschaft in Deutschland habe auch wegen der unterschiedlichen Impfstoffe, die für Bundeswehr und Allgemeinbevölkerung bestellt wurden, abgenommen. Zu der Verunsicherung habe aber auch die Aussage des amtierenden Innenministers Wolfgang Schäuble (CDU) beigetragen, sich möglicherweise nicht impfen zu lassen. „Eine Impfpflicht gibt es zwar für niemanden, auch nicht für den Innenminister“, sagt Dittmar. Menschen sollten aber stärker darüber nachdenken, dass sie mit einer Impfung nicht nur sich selbst schützen, sondern auch andere.

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