Berlin : Matthias Lilienthal

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Mehr als ein Zehntel der Berliner Wirtschaftsleistung entsteht in der Kulturbranche. Auch hier sind Unternehmer gefragt. Einer von ihnen sitzt vor dem HAU2 am Halleschen Ufer, wirres, dunkles Haar, ein mächtiger Kopf, Dreitagebart und Jeans. Man spürt den begeisterten Theatermann. Er sei glücklich, „wenn der Lappen hochgeht und der Zuschauerraum voll ist“, sagt er. Er selbst trägt sehr große Schuhe – und die braucht er auch. Seine Vorgängerin als Intendantin des HebbelTheaters, Nele Hertling, hatte ihm ein herausforderndes Erbe hinterlassen. Sie war es, die ihn für die Leitung der nun drei innovativen Bühnen (für Tanz, Theater und Tanztheater) vorgeschlagen hatte.

Beste Voraussetzungen für diese anspruchsvolle Aufgabe bringt er mit. Ein Berliner, an der Sonnenallee aufgewachsen, das mittlere von drei Kindern. Mit 13 schon wusste Matthias Lilienthal, dass er „fürs Theater gedacht“ war. Für sein Studium – Geschichte, Germanistik und Theaterwissenschaften an der FU – hat er sich allerdings Zeit gelassen. Die „Knete kam von den Eltern“. Ihn lockte vieles andere: rudern, tanzen oder die Hausbesetzerszene. Und vor allem das Theater: Peter Stein, Pina Bausch und Nicolas Brieger. Nach einer Zeit als freier Journalist und als Regieassistent am Burgtheater Wien war er drei Jahre als Dramaturg am Theater Basel. Da hat er auch mit Christoph Marthaler gearbeitet, den er später als Chefdramaturg an der Volksbühne in Berlin wieder „betreut“ hat. Es folgte eine Phase als Publizist, Autor und Vortragsreisender; dann das Projekt „Ausländer raus“ mit Christoph Schlingensief, der Ruf an die Akademie der Künste und die Ernennung zum Programmdirektor „Theater der Welt“ in vier Städten in Nordrhein-Westfalen.

Seit September 2003 leitet er nun die neue Hebbel-Theater GmbH. Mit 4,3 Millionen Euro – einschließlich der Gelder vom Hauptstadt-Kulturfonds und dem Freundeskreis – und mit seinen 24 festen Mitarbeitern stellt er viel auf die Beine: 288 verschiedene Produktionen in einem Jahr vor 61400 Zuschauern. Die Auslastung liegt inzwischen bei stolzen 70 bis 80 Prozent, das Publikum hat sich deutlich verjüngt. Mit der Auszeichnung „Theater des Jahres 2004“ erntete er höchste Anerkennung. Nur „verquere künstlerische Auffassungen“, meint er, rechtfertigten öffentliche Gelder für die Theater. Dabei will er nicht die Welt verändern –, sondern „Schizophrenien des Alltags“ aufspüren. Denn so erlebt Matthias Lilienthal diese Stadt. Und so lebt er: zur Miete, mit Lebensgefährtin und einem Kind, mitten in diesem bunten, prallen Welt-Theater Berlin.

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegels.

Matthias Lilienthal

wurde 1959 in Berlin

geboren. Er studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Geschichte. Heute ist er

künstlerischer Leiter und Geschäftsführer der Hebbel-Theater GmbH, Berlin.

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