Berlin : Mauer in den Köpfen: Plattenbausiedlungen werden die neuen Problemgebiete

Wenn sich nichts ändert[wird die Platte zum]

Wenn sich nichts ändert, wird die Platte zum Slum des 21. Jahrhunderts. Das ist ein Satz von Ihnen. Wie kommen Sie darauf?

Das kann wirklich passieren, wenn die gegenwärtigen Entwicklungen dort so weiter gehen. Aus den Plattenbaugebieten am östlichen Stadtrand ziehen seit fünf, sechs Jahren Familien weg und Leute, die beruflich Fuß gefasst und höhere Einkommen haben. Die ziehen in kleinere Häuser zum Beispiel nach Karow oder ins Umland. Jüngere Singles ziehen in die Innenstadt. Andererseits kommen in die Plattenbaugebiete am Rand der Stadt vor allem Menschen, die von den Sozialämtern eingewiesen werden.

Was befördert den Niedergang noch?

Der Verkauf der Wohnungsbaugesellschaften. Das Land Berlin verkauft ja nur welche im Westen, weil es für die im Osten nicht viel Geld bekommen würde. Das Land wird sie also behalten. Das heißt, dass die Gebiete, wo künftig Haushalte in sozialer Not eingewiesen werden können, nur noch die am Stadtrand im Osten sein werden.

Am östlichen Stadtrand wird heute aber gut verdient. Hellersdorf steht beim durchschnittlichen Haushaltseinkommen an zweiter Stelle in der Bezirksstatistik.

Das sagt überhaupt nichts, weil das Haushaltseinkommen vor allem wiedergibt, wie groß die Haushalte sind und nicht, wie viel Geld pro Kopf zur Verfügung steht. Wer vernünftige Aussagen machen will, muss sich gleichzeitig zum Einkommen die Haushaltsgröße anschauen.

Unterscheiden sich die Haushaltsgrößen innerhalb der Stadt?Natürlich. Am Stadtrand wohnen mehr Familien. In der Innenstadt dagegen leben in 70 Prozent der Wohnungen Singles. Bei denen ist dann das Haushaltseinkommen zwangsläufig niedriger als das eines Paares oder einer Familie.

Und die geringe Arbeitslosigkeit, spricht die nicht für die östlichen Randbezirke?

Gegenwärtig schon, als Ausgangspunkt. Aber wir erleben ja eine Entwicklung.

Der Niedergang der Plattenbausiedlungen, das Thema gibt es nun seit zehn Jahren. Genauso alt ist auch der Hinweis auf die hohe soziale Stabilität dieser Viertel. Warum droht Innenstadtteilen mit hoher Arbeitslosigkeit wie Friedrichshain nicht das, was sie gut funktionierenden Gegenden wie Marzahn prophezeien?Die Innenstadt ist vielseitig. Bauformen, Wohnformen, Lebensformen sind dort sehr gemischt. Das Problem der Plattenbausiedlungen am Stadtrand ist, dass es im Grunde nur einen Haustyp, einen Wohnungstyp für nur einen Lebensstil gibt. Leute, die anders leben wollen, die müssen den Stadtteil verlassen. In Vierteln wie Friedrichshain können sie ihre Wünsche, ob Altbau oder Neubau, ob große oder kleine Wohnung, in der Nachbarschaft realisieren

Warum baut man nicht neu am Stadtrand?

Das geschieht ja, fällt aber nicht besonders ins Gewicht. Und der Wegzug der Leute, die in die Neubauten gehen, verschärft ja wieder die Probleme in den Hochhäusern.

Das klingt, als wäre der Prozess, den Sie beschreiben, unaufhaltbar.

Es gibt keine schnelle Lösung, die kennt keiner. Die einen sagen, man muss abreißen, die anderen, man muss da viel Geld reinstecken, damit man die Qualität hinbekommt, die diese Gebäude bisher nicht haben. Es gibt keinen pauschalen Rat, den man hier geben könnte. Vielleicht hätte man von Anfang an beides machen sollen, abreißen und investieren.

Ab wann ist eine Wohngegend ein Slum?

In Deutschland gibt es keinen. Zugegeben, das ist ein Propagandabegriff. Aber übersetzt für deutsche Verhältnisse könnte man sagen: Wenn in einem Gebiet der öffentliche Raum vernachlässigt ist, die Häuser auch, wenn die Menschen in diesen Häusern sozial deklassiert sind und dann auch selber noch aussteigen. Wenn alles das zusammenkommt, dann sind Gebiete der Ausgrenzung entstanden. Die Probleme konzentrieren sich dort, weil solche Leute in anderen Stadtteilen dann auch keine Wohnungen mehr bekommen. Vor zehn Jahren konnten Wohngemeinschaften auch in 12-Zimmer-Wohnungen in Charlottenburg oder Wilmersdorf wohnen. Das geht nicht mehr, da zieht heute ein Diplomat ein.

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