Mauerstreifen : Parlament der Bäume soll Wurzeln schlagen

Das "Parlament der Bäume" ist eines der längsten Mauerstücke an originaler Stelle. Bundestagsabgeordnete wollen das Kunstwerk am Mauerstreifen dauerhaft vor einer Bebauung schützen.

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Pflanzen für den Frieden. Der Aktionskünstler Ben Wagin hat mit seinem „Parlament der Bäume“ einen authentischen Abschnitt der ehemaligen Mauer zu einem Naturschutzgebiet ganz eigener Art umgestaltet. Jetzt wollen die Grünen im Bundestag den Ort dauerhaft sichern. Foto: Thilo Rückeis
Pflanzen für den Frieden. Der Aktionskünstler Ben Wagin hat mit seinem „Parlament der Bäume“ einen authentischen Abschnitt der...

Es ist nach der East-Side-Gallery das mit 58 Segmenten längste Mauerstück an originaler Stelle: Das „Parlament der Bäume gegen Krieg und Gewalt“ des Berliner Künstlers Ben Wagin ist auch der einzige Gedenkort im Regierungsviertel, der authentisch an die deutsche Teilung und die 258 Mauertoten erinnert. Der Bundestag will jetzt in einem fraktionsübergreifenden Antrag, der dem Tagesspiegel vorliegt, das Kunstwerk bis zum 3. Oktober 2010, dem 20. Jahrestag der Deutschen Einheit, unter Denkmalschutz stellen.

Noch vor der Sommerpause soll der Antrag verabschiedet werden. Der gültige Bebauungsplan für das Regierungsviertel soll so weit geändert werden, dass eine Bebauung des Grundstücks, auf dem sich das Denkmal befindet, verhindert werden soll, fordern Parlamentarier aller Fraktionen. Das Grundstück hinter dem Bundespressehaus an der Ecke Schiffbauerdamm und Reinhardtstraße ist laut Hauptstadtvertrag und Bebauungsplan für einen Erweiterungsbau des Bundestags vorgesehen. „Ich bin aber überzeugt, dass die kulturpolitische Bedeutung dieses Gedenkortes 20 Jahre nach dem Mauerfall zugunsten der materiellen Gründe von den Parlamentariern mitgetragen wird“, sagte Monika Grütters (CDU), Vorsitzende des Kulturausschusses im Bundestag, dem Tagesspiegel.

Das wird offenbar auch von den Verwaltungen so gesehen: Ende 2008 hat der Bundestag die gärtnerische Pflege der Anlage übernommen und Bernd Neumann (CDU), der Kulturbeauftragte der Bundesregierung, und der Berliner Senat teilten sich die Kosten unter anderem für eine Einfriedung, die Beleuchtung und die Beschilderung. Die Lottostiftung vergab erst in diesem Jahr 120 000 Euro für die Sanierung des Gedenkortes.

Michael Cramer, Grünen-Europaabgeordneter, fordert seit Jahren, das „Parlament der Bäume“ unter Schutz zu stellen. 20 Jahre nach Mauerfall könne so auch das Lebenswerk des im März 80 Jahre alt gewordenen „Baumpaten“ Ben Wagin geehrt werden. „Ich hoffe, dass aus Fehlern gelernt wird“, sagte Cramer und erinnerte daran, dass die CDU zunächst einen Autobahnbau an der Bernauer Straße geplant hatte, dort, wo sich jetzt die Mauer-Gedenkstätte befindet. Die CDU möge jetzt bedenken, dass dieses Kunstwerk „historisch wichtiger ist als ein gültiger Bebauungsplan“, sagte Cramer. Auch der FDP-Kulturpolitiker Reiner Deutschmann und die Parteichefin der Linken und Bundestagsabgeordnete, Gesine Lötzsch, unterstützen den Gruppenantrag.

Die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Haushaltsausschusses, Petra Merkel, betonte, ihre Fraktion würde das Kunstwerk ebenfalls unter Denkmalschutz stellen. Ein Schreiben Merkels an den Senat, das Kunstwerk in die Landesdenkmalliste aufzunehmen, stößt in der Kulturverwaltung auf offene Ohren. „An diesem Platz wird deutsche Geschichte wie an kaum einem anderen Ort original gestaltet gezeigt“, sagte Kulturstaatssekretär André Schmitz. Der Senat warte nur auf einen Beschluss des Bundestags, dann werde das „Parlament der Bäume“ unverzüglich in die Landesdenkmalliste aufgenommen.

Zu Wagins Kunstwerk gehörten drei Bereiche: 16 Bäume, die Ministerpräsidenten gepflanzt hatten, das Denkmal „Europa Erde Werde“, das dem Neubau des Bundespressehauses weichen musste, und das Ensemble der 400 Bäume, die im Herbst 1990 anlässlich der ersten Plenarsitzung des wiedervereinigten Bundestages im Reichstagsgebäude gepflanzt wurden. Ben Wagin, „einer dieser irren Typen, die diese Stadt braucht wie die Luft zum Atmen“, wie einst die verstorbene CDU-Politikerin Hanna-Renate Laurien sagte, freut sich, dass sein Werk unter Denkmalschutz gestellt werden soll. Sollte das nicht geschehen, sagt Wagin, „kann man besser gleich die Linde von Laurien, den Apfelbaum von Klaus Töpfer, die Esche von Michail Gorbatschow oder die zwei Ginkgobäume von Michael Douglas rausreißen“. Sabine Beikler

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