Berlin : Mechthild S.-Senghov (Geb. 1936)

Am Theater sollte niemand nach ihrer Herkunft fragen

Stephan Reisner

Sie trug gern gedeckte Farben, besonders groß gewachsen war sie nicht. Man sah Mechthild Schwen- ke-Senghov nicht an, dass sie Direktorin der Damenkostümabteilung am Schillertheater war. Die Absätze nicht zu hoch, der Hut dezent, die Perlonstrümpfe hautfarben, so schritt sie jeden Morgen über den Hof in Richtung Kostümabteilung. Ein wenig glich sie in ihrer Damenhaftigkeit der englischen Königin, nur dass sie in ihrem Job nicht so viele Hände schütteln musste und im Grunde doch den größeren modischen Takt bewies. Hunderte Schauspielerinnen verwandelte sie in schillernde Bühnenfiguren. Das extravaganteste Garderobestück, das sie selbst trug, war ein knallroter Pullover.

Dass sie selbst etwas Besonderes war, erlebte sie in ihrer Heimatstadt Rheine an der Ems auf schmerzhafte Weise. Der Vater erlaubte ihr nur, ihn im Dunkeln zu besuchen, niemals am Tag. Mehr Nähe und Zuwendung ließ sein großbürgerlicher Stand nicht zu. So wuchs Mechthild allein bei ihrer Mutter auf, einer Hebamme. Die Leute zeigten auf sie: Eine Uneheliche!

Am Theater sollte niemand nach ihrer Herkunft fragen. Sie lernte die Kostümbildnerei an Schulen in Düsseldorf, Bremen und Hamburg. Anfang der sechziger Jahre begegnete sie in Berlin dem Bühnenbildner Werner Schwenke. Er zeichnete ein Porträt von ihr, sie schenkte ihm nach der Hochzeit eine Tochter. Viel Zeit für das Familienleben blieb nicht neben der künstlerischen Arbeit. Sie versorgte das Kind, übernahm weitere Kostümbild-Engagements, schneiderte für Michael Holm und die Epoche Film AG. Er ging in sein Atelier und entwarf Bühnenbild für Bühnenbild. 1973 wurde ihr die Direktorenstelle der Damenkostümabteilung am Schillertheater angeboten. Nun verdiente sie mehr als er.

Das Schicksalsjahr 1976: Erst wurde ihre dreizehnjährige Tochter von einem Auto angefahren. Dann, nach drei zehrenden Monaten am Krankenhausbett, ging die Ehe auseinander. Ihre Nöte und Ängste verbarg Mechthild Schwenke-Senghov unter einem Mantel aus Arbeitsamkeit und mütterlicher Fürsorge. So maßgeschneidert wirkte ihr Charakterkostüm, dass andere die verletzliche Seele darunter gar nicht mehr erkannten. „Es hat vielen Menschen gepasst, dass ich so bin, wie ich bin“, hat sie einmal gesagt. Gefühle zu zeigen, fiel ihr schwer. Sie fühlte sich gut, wenn sie erst gar nicht nach ihnen gefragt wurde.

Jedes Jahr am 29. September lud sie Freunde und Kollegen zum Michaelsgans-Essen ein. Sie stand gern in der Küche. Und dann gab es noch ihren Blumengarten direkt hinter der Parterrewohnung in Wilmersdorf: Ein Schritt aus dem Wohnzimmer, und schon fühlte sie sich wie im Urlaub.

Als das Schillertheater 1993 geschlossen wurde, brachte sie ihre Mitarbeiterinnen an anderen Berliner Bühnen unter, löste den Fundus auf, verkaufte die restlichen Stoffe. So viele Theaterstücke hatte sie gesehen und mitgestaltet, dass ihr Interesse am Theater mit einem Mal nachließ.

Ein einziges Mal äußerte sie ihrer Tochter gegenüber einen Wunsch: „Kannst du mich nicht ein wenig trösten?“, fragte sie sie am Telefon. Sie war am Nachmittag in einen Autounfall verwickelt worden und saß mit Kopfschmerzen zu Hause. „Och, du armes Hascherl!“, sagte die Tochter. So weich und verletzlich kannte sie ihre Mutter gar nicht. Am nächsten Tag klingelte ein Nachbar an der Tür. Vergeblich. Still und leise war Mechthild Schwenke-Senghov in der Nacht gestorben. Ein Blutgerinnsel hatte sich nach dem Unfall in ihrem Kopf gebildet.

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